“Chemo oder Vitamine?”

Mit dieser Suggestivfrage als Titel verbreitet Verschwörungstheoretiker und Aids-Leugner Matthias Rath derzeit auf einer Vortragsreise seine Ansichten zum Thema Vitamine und Krebs – heute (am 13. März 2012) in Berlin. Seine Thesen als solche sind bereits von Berufeneren lang und breit diskutiert worden. Deshalb belasse ich es hier bei dem Verweis auf Esowatch und die GWUP.

Was mich – ich bin nur zufällig durch ein Plakat an der S-Bahn darauf gestoßen – daran interessiert, ist vor allem, wie eine solche Veranstaltung abläuft. Wer ist das Publikum? Wie zahlreich wird es erscheinen? Welchen Tonfall werden Vortrag und Diskussion haben? Wie wird mit kritischen Fragen umgegangen? Wie gläubig oder kritisch sind die Zuschauer? Und vor allem: Wie wird er versuchen eine Glaubwürdigkeit zu erzeugen? Oder hat er gar überzeugende Argumente? Das sind die Fragen, die mich heute Abend ins Stage-Theater am Potsdamer Platz treiben. Und ich werde versuchen, alles, was ich bereits über Hern Rath und seine Aktivitäten gelesen habe, auszublenden und herauszuhören, welche Details tatsächlich überzeugend sein könnten und zu überlegen was gegebenenfalls dran sein könnte.

Der Veranstaltungsort

Normalerweise finden im Berliner Stage-Theater am Potsdamer Platz erbaulichere Veranstaltungen wie Die Schöne und das Biest oder Auftritte der Blue Man Group statt. Und nicht zu vergessen natürlich Udo Lindenbergs Musical. Was ein bekanntes Musical-Theater, das als eine der Hauptspielstätten der Berlinale bekannt ist, dazu bringt, Menschen wie Matthias Rath eine Bühne zu geben, kann ich nicht nachvollziehen.

Ich vermute, dem Betreiber geht es ähnlich wie den Universitäten. Denn die befinden sich auch in dem Dilemma, dass sie einerseits ihre Räumlichkeiten vermieten müssen aber sich damit andererseits gerade für Pseudowissenschaftler und religiöse Fundamentalisten, die sich durch einen solchen Veranstaltungsort in die Nähe eines wissenschaftlichen Anspruchs rücken können, attraktiv machen.

In jedem Fall bin ich gespannt, ob Veranstaltung und Veranstaltungsort zueinander passen? Wird das Stage-Theater aus allen Nähten platzen? Wird sich ein verlorenes Häufchen im Parkett herumdrücken? Oder findet alles einfach in einem kleinen Nebenraum statt?

Meine Fragen

Natürlich ist es auch für einen kritischen Zuhörer guter Stil, dem Vortrag aufmerksam zuzuhören und Widerspruch in Form von kritischen Fragen und begründeten Einwänden zu äußern. Ob ich Gelegenheit haben werde, meine Fragen an den bzw. die Referenten in einer Anschlussdiskussion zu stellen, weiss ich nicht. Aber zum Glück folgt mir neuerdings jemand oder etwas namens Movemnt_of_Life auf Twitter. (Wirklich ohne “e” und offensichtlich Raths Organisation, denn dort wird reichlich Werbung für die Veranstaltung gemacht.) Daher habe ich die Fragen, die ich stellen würde, einfach schonmal vorab getwittert:

Da @Movemnt_of_Life mir folgt, erlaube ich mir, die Fragen, auf die ich mir heute eine Antwort erhoffe, zu twittern.

@Movemnt_of_Life: Was belegt die Vermutete Verschwörung in der Pharma-Industrie ausser dem Cui-Bono-Argument?

@Movemnt_of_Life: Was belegt die Vergrößerung der positiven Effekte von Vitaminen auf das Krebsrisiko bei Steigerung der Menge?

@Movemnt_of_Life: Alle Medikamente sind in Überdosis gefährlich? Weshalb ist das ein Argument speziell gegen Chemotherapie?

@Movemnt_of_Life: Krebszellen reagieren empfindlicher auf Chemotherapie als gesunde Zellen. Richtig oder falsch?

@Movemnt_of_Life: Falls richtig: Wie belegen Sie, dass Chemotherapie einseitig Schadet und die Neubildung von Krebs fördert?

@Movemnt_of_Life: Falls falsch: Wodurch belegen sie, dass diese allgemein anerkannte Darstellung falsch ist?

(Zwischen 18:05 und 18:10, die Rächtschraipfähla von mir im Original.)

Die Veranstaltung

Ich bin ein bisschen erstaunt (und auch ein bisschen entsetzt) über den Zuspruch. Der Kerl (bzw. seine Stiftung) hat tatsächlich das ganze Theater gemietet. Im Foyer (das nicht gerade aus allen Nähten platzt aber doch gut gefüllt ist) gibt es ein Come-Together mit Buchverkauf und Info-Ständen von einigen Schwesterorganisationen. Das Publikum ist durchschnittlich und altersmäßig relativ gleichmässig zwischen 40 und 70 verteilt. Leute unter 30 sehe ich nur sehr vereinzelt.

Die eigentliche Vortragsveranstaltung findet tatsächlich im großen Saal statt (in dem aber nur das Parkett zugänglich ist). Ich schätze knapp 1100 Sitzplätze von denen zu Beginn des eigentlichen Vortrages ein gutes Drittel bis die Hälfte besetzt ist – also ganz grob geschätzt gut 400 Zuhörer. (Nachtrag: Movemnt_of_Life twittert anschließend eine Schätzung von ungefähr 600.)

Das Podium

Auf der Bühne steht ein Rednerpult sowie ein Tisch für sechs Diskutanten. Namensschilder gibt es für

  • Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr,
  • Matthias Müller von Blumencron und
  • Georg Maccolo, beide Chefredakteure des Spiegel,
  • Dr. Ulrich Seemann,
  • Dr. Alexandra Niedzwiecki (Leiterin von Raths Forschungsintitut) sowie
  • Dr. Matthias Rath.

Ich bin wirklich gespannt, ob die geladenen Gäste, mit denen die Veranstaltung auch beworben wurde, tatsächlich kommen werden. An den Projektionswänden steht zur Begrüßung “Vitamine statt Chemo!”, offenbar die suggestivrhetorische Weiterführung des “Chemo oder Vitamine?” vom Plakat.

Die Vorträge

Angekündigt wird, dass die Veranstaltung von 19 Uhr bis 21:30 gehen wird. (Es werden noch 30 Minuten Überziehung dazu kommen.) Also lange zweieinhalb Stunden. Moderator ist Dr. Seemann.

1. Vortrag: Ein Fallbeispiel

Als erstes gibt es einen kurzen “Erfolgsbericht” von einer Dame namens Bärbel Salinger. Ich freue mich, dass die Frau offenbar eine schwere Krankheit überwunden hat. Aber die innbrünstige Begeisterung, mit der sie sich über Matthias Rath als Person äußert, erinnert an einen sektenhaften Personenkult. Ebenso ihre persönliche Willensbekundung: “Ich werde alles tun, dass meine Heimatstadt Halle(Saale) krebsfrei wird.” (Was dem von Raths Anhängern gebetsmühlenartig rezitierten Credo “XY-Stadt krebsfrei!” entspricht.)

Selbst wenn man unterstellt, dass die Fakten wahr sind und nicht verzerrt dargestellt wurden, muss man festhalten, dass ein solcher Einstieg kein Zeichen für eine seriöse Veranstaltung ist. Denn erstens würde ein gewissenhafter Arzt, der die Grundlagen seines Berufs beherrscht, nicht suggerieren, dass ein Einzelfall ein stichhaltiger Beleg für die Wirksamkeit einer Therapie ist. Und zweitens ist es weder für einen Akademiker noch für einen Behandler ein angemessenes Verhalten, einen Ausdruck sektenartiger Verehrung an den Anfang einer von oder für ihn organisierten Informationsveranstaltung zu stellen.

Dazu kommt, dass die Fakten selbst in diesem eindeutig tendenziösen Vortrag fragwürdig bleiben. Denn die behandelnde Ärztin hat nach Aussage von Frau Salinger die Erfolge auf die Cortisontherapie zurückgeführt. Frau Salingers zentrales Argument besteht darin, dass sie diese inzwischen heimlich abgesetzt hatte. Wie lange dieser Zeitpunkt vor der Diagnose lag und wie lange sie das Cortison eingenommen hatte, bleibt unklar.

2. Vortrag: Der Mechanismus der Krebsentstehung aus Raths Sicht

Anschließend erklärt Rath den Mechanismus der Krebsentstehhung. Er erklärt ihn – soweit ich verstanden habe – damit, dass Krebszellen Collagen-Ketten zerstören und damit dafür sorgen, dass sie selbst aber auch gesunde Zellen wie Blutkörperchen durch den Körper wandern können. Inwieweit seine Erklärung den tatsächlichen Mechanismus der Metastasierung korrekt wiedergibt, kann ich nicht beurteilen.

Interessant ist, dass er zu Beginn fragt, wer aus dem Publikum zum ersten Mal bei einer seiner Veranstaltungen zugegen ist. Aus Handzeichen schließt er, dass es etwa die Hälfte sein muss. Ich häte zehn Prozent geschätzt, konnte von meiner Position aus aber den abgedunkelten Saal nur bedingt überblicken.

Irritierend finde ich seine Aufforderung, nicht mitzuschreiben. “Ich bitte Sie, sich zu gedulden, bis sie das morgen nachlesen können.” Eine Aufforderung, seine Bücher zu kaufen? Angst vor kompromittierenden Vortragsnotizen? Oder einfach nur eine Gefälligkeit und der Wunsch nach aufmerksamen Zuhören, der etwas ungeschickt rüberkam? Ich zumindest zwinge mich zu aufmerksamen Zuhören, indem ich mir weiter fleissig Notizen mache.

Dann betont Rath den Stiftungscharakter seiner Organisation. Es ist ihm exorbitant wichtig, dass jeder versteht, dass seine Organisation keine Profite macht. Über Gehaltsstrukturen und Subunternehmer schweigt er sich indes gänzlich aus.

Inhaltlich bringt der Vortrag nichts, was nicht schon in dem vorab verteilten Käseblättchen gestanden hätte: Die Schocker-Pseudeo-Argumentation, dass Präparate der Chemotherapie aus Modifikationen des Senfgas-Moleküls bestehen, reichlich verziert mit Schreckensdarstellungen von Senfgas-Verletzungen und dessen Charakter als Waffe – geflissentlich die Tatsache ignorierend, dass bei praktisch jedem Medikament die Dosis über die Frage “Gift oder Heilmittel” entscheidet. Und die Behauptung, dass die Chemotherapie auch das gesunde Gewebe schädigt und damit natürlich zu Sekundärerkrankungen (bis hin zum Tod) führen kann – verschweigend, dass der Sinn der Chemotherapie ja gerade darin liegt, dass Krebszellen empfindlicher auf die Vergiftung reagieren.

Man soll niemandem böse Absicht unterstellen. (Das sagt auch Hanlons Razor.) Aber diese Argumentation ist derart naiv, dass ich mir beim besten Willen nur schwer vorstellen kann, dass ein promovierter Mediziner diesen Sachverhalt aus schlichter Unkenntnis so darstellt.

Wirklich frech ist hingegen die Darstellung des vermeintlichen Presseechos. An der Projektionswand wird eine Meldung über sensationelle Erfolge seiner alternativen Krebstherapie präsentiert – ausdrücklich gekennzeichnet als Zitat aus USA Today. Im Vortrag spricht er ausdrücklich von einer Veröffentlichung in einer der wichtigsten Zeitschriften der USA. Erst durch den Nachsatz wird klar, dass es sich garnicht um eine echte Zeitungsmeldung handelt sondern lediglich eine Pressemeldung seines Instituts, deren Veröffentlichung USA Today explizit verweigert hat.

Ich denke ich gehe nicht zu weit, wenn ich daraus auf Raths allgemeine Methode bei der Darstellung von Sachverhalten schließe. Auch die Darstellung von Heilungsraten aus den Studien seines Instituts ist nicht besser. Offenbar gibt es dazu keine Peer-Review-Veröffentlichungen. Nach seiner Aussage sei es nur eine Frage der Zeit, bis es dazu Veröffentlichungen gebe. Wer sich mit dem Wissenschaftsbetrieb auskennt, fragt sich vermutlich, warum sie noch nicht vorliegen, wenn die Belege so überzeugend sind, wie er sie darstellt. Aber ein relativ unbedarftes Publikum dürfte beeindruckt sein.

Dann wird es ganz krude. Zunächst schildert er den Vorgang bei der Ausbreitung von Krebs durch eine Art Pacman, der sich durch das Bindegewebe frisst. Ob man das so stehen lassen kann, weiss ich nicht. In jedem Fall ist die Aussage, dass man dies durch Mikronährstoffe (also Vitamine & Co.) blockieren kann, gewagt, insbesondere wenn seine Metapher lautet, dass Pacman mit einem Keil “das Maul gestopft bekommt”. Nun gut, mir ist das zu platt. Für ein nichtakademisches Publikum mag das eine hilfreiche Metapher sein. Aber mit einer solchen einem solchen Publikum eine außergewöhnliche Behauptung zu verkaufen ist unseriös.

Ein wirklich derber Missgriff ist der Vergleich mit Skorbut. Das ist einfach nur ein billiger Suggestiv-Verweis, der seine Vitamine in die Nähe von Zellzerstörung stellen soll. (Skorbut entsteht bei langfristigem Mangel an Vitamin-C, weil ohne Ascorbinsäure als Katalysator keine stabilen Zellproteine gebildet werden können und sich der Körper dadurch nach und nach immer mehr auflöst. Krebs hingegen entsteht aus krankhaft wuchernden Zellen, die das übrige Gewebe zerstören.) Beides hat vielleicht mittelbar miteinander zu tun, weil – in diesem Punkt ist seine Darstellung vermutlich richtig – durch Skorbut vorgeschädigtes Gewebe noch empfindlicher auf die Ausbreitung von Krebs reagiert. Aber das gilt genauso bei Strahlenschäden oder jeder anderen Form von Gewebeschäden. Das ist kein spezieller Zusammenhang zwischen Krebs und Vitaminen. Und es bedeutet auch nicht, dass Vitamine das Krebsrisiko auf Null reduzieren können. Das ist eine Verzerrung der Tatsachen, die auch nicht dem nichtwissenschaftlichen Publikum geschuldet ist. Das ist schlicht und einfach Blödsinn.

(Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass seine Behauptung, dass Tiere keinen Krebs bekommen, weil sie Ascorbinsäure selbst produzieren, Unsinn ist. Falls ich da falsch liege, bin ich für sachkundige Richtigstellung dankbar. Aber ich kann es mir nicht vorstellen. Denn ich kenne genug Haustiere, die wegen Tumoren behandelt wurden oder daran gestorben sind.)

Als Beleg für all dieses dienen Versuche an Mäusen, deren Fähigkeit zur Synthese von Ascorbinsäure genetisch beseitigt wurde und denen Tumorzellen zum Auslösen von Krebs injiziert wurden. Dabei wird die Wachstumsrate von Tumoren verglichen, und zwar an Mäusen, die Ascorbinsäure verabreicht bekamen und an Mäusen, die keine bekamen. (Ohne anzugeben, ob in normaler Dosis oder Überdosis.) Und die simple Erkenntnis ist, dass bei Mäusen, die garkeine Ascorbinsäure haben, Tumore schneller wachsen. Das ist banal, weil die vollkommene Abwesenheit von Ascorbinsäure natürlich zur Gewebeschädigung führt. Aber Rath verkauft das dem nicht vorgebildeten Publikum als Beweis, dass Vitamine Krebs verhindern. Ich denke, das muss ich nicht weiter kommentieren.

3. Vortrag: Die Arbeit an Raths Institut

Als nächstes präsentiert Frau Dr. Niedzwiecki, die Leiterin von Raths Forschungsinstitut, die Arbeit des selbigen – auf Englisch, Rath übersetzt (manchmal recht frei aber sinngemäß korrekt).  Jetzt, wo die für die Forschung in Raths privater Stiftung Verantwortliche spricht, darf man wohl am ehesten mit belastbaren wissenschaftlichen Aussagen rechnen. Und sie nimmt den Mund ziemlich voll – mit einer reichlich suggestiven rhetorischen Frage:

“Wir können jetzt Krebs bekämpfen – was ist die Grundlage für unseren Erfolg?”

Dann benennt sie die drei ‘Säulen’ des gemeinsamen Erfolges:

  1. Keine Profitorientierung.
  2. Man habe den Schlüsselmechanismus der Metastasierung herausgegriffen. (Interessanterweise tatsächlich dieses Verb, nicht etwa “identifiziert” oder “kontrollierbar gemacht”.)
  3. Selbstlose finanzielle Unterstützung.

Offensichtlich ist dieser Abschnitt eher als Dankesrede zu verstehen und noch nicht als wissenschaftlicher Hintergrundbericht. Dann verweist sie auf angeblich über 70 Veröffentlichungen in “medizinischen Journalen”, die auf der Homepage des Instituts aufgezählt seien. (Ich habe das nicht geprüft und weiss daher nicht, um welche Journale es sich dabei handelt. Ich könnte als medizinischer Laie den Quellenwert sowieso nicht beurteilen. Aber der spätere Verlauf des Vortrages wird noch einen Eindruck vom Umgang mit Quellenverweisen seitens des Instituts geben.)

Dann kommt wieder die schon öfter gezeigte Werbung für die im Foyer feilgebotenen Bücher. Ich frage mich schon, ob selbstgeschriebene und im Selbstverlag veröffentlichte Bücher der beste Beleg sein sollen, den sie zu bieten hat. Aber dann geht sie zum Glück doch noch etwas detaillierter auf ihre Forschungsarbeit ein. Genauer gesagt heisst das, sie behauptet, man könne mit ihren Forschungsergebnissen die Schlüsselmechanismen der Krebs-Regelung (Original: “key-mechanisms of cancer-control”) beherrschen (jetzt werde ich neugierig auf die Erläuterungen und auf den Beleg) und sie präsentiert eine Auswahl aus den von ihr identifizierten über vierzig relevanten Stoffe.

Und sie präsentiert tatsächlich Versuchsergebnisse (in Form von Fotos von Tumoren aus Versuchstieren). Allerdings ist immer wieder nur vom Unterschied zwischen einer Situation ganz ohne diese Mikronährstoffe (welche zumindest in vielen Fällen auch die evidenzbasierte Medizin empfiehlt) und einer Verabreichung derselben die Rede. Es wird also bestenfalls gezeigt, dass eine Mangelernährung Krebs begünstigen kann. Weshalb eine Überdosierung diesen bremsen, blockieren, stoppen oder was auch immer können sollte, bleibt zunächst im Dunkeln.

Interessant wird es dann endlich im folgenden Abschnitt. Hier werden Aufnahmen von Krebszellen präsentiert, deren Lebensphase durch Marker farblich gekennzeichnet ist. Nach Aussage von Frau Niedzwiecki belegt dies, dass Krebszellen desto mehr absterben, je mehr Mikronährstoffe verabreicht werden. Ob das Hand und Fuß hat und in wieweit das mit einer entsprechenden Schädigung auch des gesunden Gewebes einhergehen könnte, kann ich nicht beurteilen. An dieser Stelle kann ich lediglich die Frage stellen, ob diese Ergebnisse in verlässlichen Peer-Review-Magazinen veröffentlich sind und wie diese Veröffentlichungen von Dritten bewertet wurden. Wenn diese Ergebnisse reproduzierbar und einschließlich der Schlussfolgerung korrekt dargestellt sind, wären sie vermutlich sensationell. Es sollte also Peer-Review-Veröffentlichungen und eine rege Diskussion dazu geben. (Der Vollständigkeit halber muss ich natürlich noch sagen, dass selbst dann nur belegt wäre, dass die Mikronährstoffe eine Heilwirkung hätten. Die Aussage, dass sie Krebs ganz blockieren könnten, wäre dann immer noch etwas überzogen. Aber wir wollen nicht kleinlich sein.)

Woher Rath jetzt plötzlich die Aussage, es handele sich “um keinen Vergiftungsvorgang sondern um eine Umprogrammierung im Zellkern” nimmt, erschließt sich mir nicht. Zudem frage ich mich, inwiefern eine “Umprogrammierung” zum Absterben keine Vergiftung sein soll. Aber wirklich bemerkenswert ist, dass der ansonsten in sich selbst ruhende Rath an dieser Stelle sichtlich nervös und in vorauseilendem Gehorsam einen bei pseudomedizinischen Behauptungen häufig gerechtfertigten Einwand vorwegnimmt: Kritiker könnten sagen, es handele sich um Einzelfälle. Dass er selbst diesen Einwand erwartet, spricht nicht gerade dafür, dass Frau Dr. Niedzwiecki eben eine methodisch korrekte Untersuchung vorgestellt hat.

Und es geht noch weiter. Als nächstes wendet er die Standard-Immunisierungsstrategie aller Pseudomediziner an: Wenn es nicht wirkt, dann war der Krebs eben schon zu weit fortgeschritten (mit der Vitamintherapie ist also nicht früh genug angefangen worden) oder der Körper ist durch die konventionelle Medikation zu stark vorgeschädigt. Das ist die typische Vorgehensweise. Erfolge werden – wie im ersten Vortrag – pauschal für die eigene Therapie in Anspruch genommen. Misserfolge werden pauschal dem angeblichen Schaden durch die konventionelle Therapie angelastet. So entsteht zwangsläufig eine zu 100% positive Pseudo-Statistik.

Endlich also ein Detail, das tatsächlich einer Überprüfung wert sein könnte. Und postwendend entlarvt Rath es selbst als Humbug.

Aus dem Publikum heraus meldet sich an dieser Stelle jemand mit der Frage, ob zu den vorher erwähnten Heilungsraten placebokontrollierte Studien gemacht worden seien, zu Wort. Rath versucht, ihn abzuwürgen – mit der Bitte, mit Fragen bis zum Ende der Veranstaltung zu warten. Der Fragende hakt nach und Rath sagt, es gäbe eine (sic!) zum Thema Leukämie. Weitere seien “in Arbeit” (sic!). Es ist schon eine deutliche Diskrepanz, dass einerseits von jahrzehntelanger Forschungsarbeit und spektakulären (sogar die Welt verändernden), nicht von der Hand zu weisenden und eindeutig bewiesenen Erkenntnissen die Rede ist aber ernstzunehmende Belege dazu bestenfalls “in Arbeit” sind. Ich frage mich, wie Herr Dr. med. Rath es verantworten kann, angesichts dieser mehr als dünnen Belege seine eigene Therapie als Allheilmittel anzupreisen und schwer kranken Menschen ernsthaft von Standard-Therapien, die nachweislich eine nennenswerte Erfolgsaussicht bieten, abzuraten. Und das gleich mit einem ideologischen Überbau, der auf Behauptungen basiert, die wiederum durch nichts weiter untermauert sind als ebendiese dürftigen Belege.

Halten wir fest: Selbst Rath nimmt – bei seiner Neigung, die Faktenlage zu Gunsten seines Standpunktes auszudehnen – nur eine einzige bereits veröffentlichte “placebokontrollierte” Studie für sich in Anspruch. Ob es sich dabei um eine korrekt randomisierte und doppelt verblindete Studie handelt, die auch tatsächlich in einem ernstzunehmenden Peer-Review-Magazin veröffentlicht wurde, wird dabei nichtmal klar. Ich mag mir garnicht vorstellen, was davon übrig bleibt, wenn man seine an anderer Stelle deutlich gewordenen Beschönigungen hiervon abzieht.

Und man muss sich klar machen, dass es bei außergewöhnlichen Behauptungen in der Medizin immer Studien mit unterschiedlichen Ergebnissen gibt. Im Fall Homöopathie gibt es zum Beispiel eine Vielzahl von positiven und negativen Studien. Erst die Meta-Studien zeigen, dass die Qualität der Studien deutlich zu deren Ergebnis korreliert ist. (Je besser die Qualität der Studie desto mehr verschwindet die vermeintliche Wirkung der Homöopathie.) Daher können auch Homöopathen auf positive Studienergebnisse verweisen, obwohl die Homöopathie letztlich nicht haltbar ist.

Dass eine derart dünne Faktenlage mit allerlei Rhetorik zu einem weltbewegenden Erfolg aufgebauscht und dann noch in vorauseilendem Gehorsam immunisiert wird, darf man wohl so interpretieren, dass Rath selbst klar ist, dass seine “Beweise” bei genauerer Betrachtung wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.

Der Fragende hakt schließlich noch einmal nach mit der Frage nach einer amtlichen Zulassung von Raths Präparaten. Das Publikum beginnt nun zu protestieren. “Geh doch nach Hause! Wir wollen das hören!” So schallt es im Chor. Ich habe den Eindruck, dass zumindest ein nennenswerter Teil des Publikums Raths Ansichten nahesteht und eher glaubensgetrieben als kritisch an seinen Vortrag heran geht.

4. Vortrag: Ein “neues Gesundheitssystem”

Im vorletzten Vortrag spricht Moderator Seemann über seine bzw. Raths Vision von einem neuen, weltweiten Gesundheitssystem. Allerdings meint er damit nicht eine Reform der Finanzierungssysteme der Gesundheitsversorgung sondern eine fundamentale Umwälzung der Kostenstrukturen durch einen weltweiten Umstieg von der konventionellen Krebsbehandlung auf Raths sogenannte Zellularmedizin.

Er präsentiert allerlei beeindruckend wirkende Zahlenspielereien, die die Kosten konventioneller Krebstherapien mit den gesamten Kosten der Gesundheitsversorgung sowie letztere mit ausgewählten Staatshaushalten und dem Eurorettungsschirm vergleichen. Sein Fazit ist, dass bei einem konsequenten Umstieg auf die Zellularmedizin eine effektive Kosteneinsparung von € 300 MRD pro Jahr möglich sei. Dies solle dann auch die Entwicklung verhindern, die seiner Meinung nach zwangsläufig aus den bestehenden Verhältnissen folgen muss: Den Ruin sämtlicher Staaten und deren letztendliches Zusammenbrechen. Seine Behauptung basiert auf zwei grundsätzlichen Annahmen:

  1. Die Zellularmedizin wirkt in vollem Umfang. Das heißt, sie bietet nicht nur eine Heilungschance sondern sie kann alle Krebserkrankungen vollständig verhindern.
  2. Sie kommt nur deswegen noch nicht flächendeckend zum Einsatz, weil sie von einem verschwörerischen Pharma-Kartell aus Profitgier unterdrückt wird.

Damit nimmt er auch die Verschwörungstheorie, die Thema des letzten Vortrages sein wird, vorweg. Bereits an dieser Stelle ist erkennbar, dass selbige allein auf dem (wertlosen) Cui-Bono-Argument basiert. (Die Pharma-Industrie verdient märchenhafte Summen an Krebs. Deshalb ist sie für ihn verantwortlich. Das ist ungefähr so als würde man sagen, Meteorologen verdienen am Wetter, also machen sie es.)

Was mir inhaltlich ins Auge sticht, ist der schludrige Umgang mit Wirtschafts-Kennzahlen und wirtschaftlichen Zusammenhängen. Seemann geht näher auf die Profite der Pharma-Branche ein. Das heißt, er gibt vor, genauer zu erklären und zu verdeutlichen, dass Pharma-Unternehmen verglichen mit Unternehmen aus anderen Branchen völlig überhöhte Profite machen. In Wahrheit tut er aber nichts anderes, als die Scheinobjektivität irreführend dargestellter Zahlen zu nutzen, um die latente Feindseeligkeit des Publikums gegenüber der Pharma-Industrie zu provozieren.

Ob es sich dabei um einen frommen Selbstbetrug handelt, weil Seemann die wirtschaftlichen Zusammenhänge, über die er spricht, selbst nicht versteht, oder ob er sein Publikum vorsätzlich in die Irre führt, ist natürlich nicht zu erkennen.

Seemanns Zahlenspiel funktioniert im Grunde wie jedes Stammtischargument mit missverstandenen Zahlen: Er präsentiert eine Übersicht über die durchschnittlichen Geschäftsergebnisse in unterschiedlichen Branchen. Die dargestellten Kennzahlen bezeichnet er als “Profite” und spricht über sie als seien es Gewinne. Die Werte sind aber nicht in absolutem Geldwert sondern in Prozent angegeben. Es handelt sich also eher um Renditen.

Entscheidend ist aber, dass nicht gekennzeichnet ist, ob es sich dabei um Umsatzrenditen oder irgendeine Form von Kapitalrenditen handelt. (Strenggenommen ist nichtmal klar, ob es sich in allen Fällen um dieselbe Art von Rendite handelt.)

Über die genaue Renditeart kann man nur spekulieren. Aber dass es sich um Kapitalrenditen – was noch am ehesten zu dem Gerede über “Profite” passen würde – handelt, ist eher unwahrscheinlich. Denn die Werte liegen zwischen 4,3% (Lebensmittel) und über 25% (Pharma). Auch wenn die Renditeerwartungen mit der Wirtschaftskrise nach unten gegangen sind, wäre eine Kapitalrendite (gleich, ob Stammkapital oder ROI) von unter 5% ruinös. Kein Kapitalgeber würde längerfristig in ein Unternehmen investieren, wenn die Kapitalrendite unterhalb der Gewinnerwartung auf dem Aktienmarkt liegen würde.

Die angegebene Rendite für die Lebensmittelindustrie wäre als Kapitalrendite also unglaubwürdig. Für Umsatzrenditen ist das Spektrum hingegen plausibel. Die bewegen sich je nach Branche normalerweise grob zwischen 2% und 30%. Wohlgemerkt: Bei gesunden, profitablen Unternehmen. Das hängt damit zusammen, dass die Verhältnisse zwischen Kapitaleinsatz und Umsatz je nach Branche stark schwanken. Die Lebensmittelindustrie und der Einzelhandel erreichen mit vergleichsweise geringem Kapitaleinsatz vergleichsweise hohe Umsätze. Deshalb haben diese Unternehmen auch bei geringer Umsatzrendite einen ausreichenden Kapitalertrag. Pharma ist hingegen eine extrem kapitalintensive Branche, die zudem ihre Erträge (wegen der langwierigen Zulassungsverfahren) erst nach einer vergleichsweise langen Vorlaufzeit erreicht.

Dazu kommt, dass Pharma-Produkte nur wenige Jahre durch Patente geschützt werden können. Deshalb müssen Pharma-Investitionen in wenigen Jahren amortisiert sein – bevor die deutlich preisgünstigeren Generika auf den Markt kommen. Deshalb können Pharma-Unternehmen nur mit sehr hohen Umsatzrenditen existieren. Dass die Lebensmittelbranche unter 5% liegt, Pharma dagegen weit über 20% ist also eigentlich überhaupt nicht erstaunlich.

Vermutlich vergleicht Seemann Unternehmen, die vollkommen gesund und gleichermaßen profitabel sind. Sein Vergleich ist also, solange er nicht ein solches Missverhältnis bei echten und vergleichbaren Kapitalrenditen zeigt und die Zahlen auch ausreichend belegt, vollkommen wertlos.

Es müsste allerdings schon ein sehr großes Missverhältnis sein. Denn speziell in der Pharma-Branche kommt noch eine weitere Eigenheit hinzu: Nur ein Bruchteil der Medikamente, in deren Entwicklung und Erprobung investiert wird, erreicht tatsächlich die Zulassung. Deshalb ist Pharma nicht nur eins der kapitalintensivsten sondern auch eins der riskantesten Investments überhaupt. Aus diesem Grund investieren hier nur sehr finanzstarke und risikobereite Kapitalgeber. Und die haben entsprechende Renditeerwartungen.

Es wäre also nichtmal ungewöhnlich, wenn Pharma eine vergleichsweise hohe durchschnittliche Kapitalrendite hätte. Bitte nicht missverstehen, ich habe nicht vor, mich zum Anwalt der Pharma-Unternehmen zu machen. Ganz sicher gibt es dort genausoviele krumme Geschäfte wie in jeder Branche. Der Punkt ist, dass Seemanns Zahlen einfach genau garnichts aussagen. Seemann indes schließt aus diesem vermeintlich eklatanten Missverhältnis auf kriminelle Machenschaften seitens der Pharma-Branche.

Er beschließt den Vortrag damit, dass er sein bzw. Raths Engagement mit demjenigen gegen Gentechnik und Atomkraft vergleicht. Das Publikum antwortet mit einem längeren, etwas müde wirkenden Applaus. Ein vereinzeltes “Bravo” ist zu hören.

5. Vortrag: Haarsträubende Verschwörungstheorien

Und dann kommt’s ganz dicke. Rath kündigt an, die “Brücke zum politischen Verständnis” zu schlagen. Mit anderen Worten: Es folgt die ausführliche Schilderung seiner persönlichen Verschwörungstheorie über die, wie er es nennt, “Welt-Eroberungs-Pläne des Chemo-Pharma-Kartels”. (Seine Bindestrichitis, nicht meine.)

Letztlich erschöpft sich die Grundlage seines Weltbildes im Cui-Bono-Argument – die Chemieindustrie hat durch die Giftgasproduktion vom Ersten Weltkrieg profitiert, die Pharma-Industrie durch Menschenversuche in der Nazi-Zeit. Also war beides nichts anderes als die zwei ersten Versuche des “Chemo-Pharma-Kartells”, die Weltherrschaft zu erringen. Die nach Raths auch sonst reichlich wirrer Argumentation künstlich erzeugte “Krebs-Epidemie” (ja, der Mann nennt das wirklich so) ist der dritte. Und aus irgendeinem Grund ist es ganz selbstverständlich, dass dieser zwangsläufig erfolgreich sein muss, wenn wir alle nicht sofort auf Raths Zellularmedizin umsteigen.

Ich muss mich zusammenreissen, um mich angesichts dieser Verhöhnung und gewissenlosen Instrumentalisierung der Opfer nicht zu übergeben.

Als Belegt hat er freilich auch in diesem Vortrag nicht mehr zu bieten als das bereits ausführlich besprochene:

  1. Die Pharma-Industrie profitiert vom Leid anderer. (Cui-Bono, also untauglich um eine Verschwörungsbehauptung zu begründen.)
  2. Die Profite der Pharma-Industrie sind nur durch unlautere Machenschaften zu erklären. (Falsch, weil es sich lediglich aus einer Fehlinterpretation falsch verstandener Zahlen ergibt.)
  3. Dieses Leid könnte viel einfacher und kostengünstiger beseitigt werden. (Freundlich formuliert: Unbelegt. Und selbst wenn dieser Punkt richtig wäre, begründet er nicht, dass die EU das Nachfolgekonstrukt für das Nazi-Regime ist, oder den ganzen anderen haarsträubenden Unsinn.)

Die Podiumsdiskussion

Um es gleich vorweg zu nehmen: Auch die ist nichts weiter als eine Tüte lauwarme Luft. Erwartungsgemäß sind weder der Bundesgesundheitsminister noch die beiden Spiegel-Redakteure erscheinen. Nach Raths Lesart scheuten sie es, “Rede und Antwort zu stehen”.

Wirklich peinlich ist allerdings, dass nichtmal die Referenten den Anstand haben, sich hinter ihre Namensschildchen zu setzen und so etwas wie eine Diskussion zu führen. Letztlich führt der demonstrativ aufgebaute Tisch nichts weiter vor Auge, als dass Rath und seine Mitstreiter für ernstzunehmende Gäste zu unwichtig oder zu peinlich sind. So gesehen ist er eigentlich das Beste an der ganzen Veranstaltung.

Und selbstverständlich bekommt auch das Publikum keine Gelegenheit, Fragen zu stellen – obwohl Rath die Zwischenfragen ausdrücklich auf das Ende der Veranstaltung verwiesen hatte.

Fazit

Ich habe mich bemüht, unvoreingenommen an die Veranstaltung heranzugehen und Schlussforlgerungen nur aus dem zu ziehen, was ich tatsächlich selbst erlebt habe. Aber Rath und seine Leute machen es einem wirklich nicht leicht, etwas herauszufiltern, das eventuell einer kurzen Überlegung oder gar einer weiteren Prüfung wert wäre. Große Behauptungen und breit ausgewalzte Schock-Rhetorik, reichlich Weisse-Kittel-Anekdoten, die hochkarätige wissenschaftliche Forschung vortäuschen sollen aber bei genauerer Betrachtung zu den behaupteten Erkenntnissen in überhaupt keinem direkten Zusammenhang stehen. Das ganze auf drei Stunden ausgedehnt und mit einer Verschwörungstheorie, die den Durchschnitt sowohl an Zynismus als auch an Einfalt und Durchschaubarkeit in ihrer Begründung weit übertrifft. Und alles zusammen verdeckt, wenn man nicht genau aufpasst und ausreichend Hintergrundwissen mitbringt, die Tatsache, dass die tatsächlichen “Beweise” geradezu mikroskopisch sind und zudem noch nichtmal ansatzweise einer Überprüfung stand halten.

Kurz gesagt: In drei vollen Stunden Geschwafel nicht ein einziger Grund, selbiges länger als anderthalb Sekunden ernst zu nehmen. Und damit werden gutgläubige Menschen von einer lebensrettenden Therapie ferngehalten!

Von meinen Fragen wurde nur eine eindeutig beantwortet: Rath tut tatsächlich so als gäbe es den Wirkmechanismus der Chemotherapie nicht. Die Unwirksamekeit belegen kann er freilich nicht. Sein so ziemlich einziges Argument ist, dass viele Chemotherapie-Patienten sterben. Aber wen wundert das bei einer schweren, ohne Behandlung fast zwangsläufig tödlichen Krankheit.

Und er scheint tatsächlich zu glauben, dass die Tatsache, dass ein Stoff ein Gift ist, Beweis genug sei, dass dieser bei der Behandlung von Krankheiten keine Unterstützung leisten könne. Wie man mit einer solchen Logik zu einem medizinischen Doktortitel kommt, ist mir schleierhaft. Meine Frage nach den Belegen für seine Vitamintherapie beantwortet seine leitende Mitarbeiterin, doch Rath rudert im gleichen Atemzug zurück und immunisiert. Und er sagt dabei fast explizit, dass die gezeigten Bilder willkürlich ausgewählte Einzelfälle sind während die widersprechenden Ergebnisse unter den Teppich gekehrt werden. Das entspricht auch der Methode, sich “Beweise” zurechtzulegen, die ich den ganzen Abend lang durchgehend erlebt habe.

Die eigentliche Antwort auf meine Frage ist also anscheinend, dass er keine Belege vorbringen kann, weil er keine hat.

Kurz gesagt: Die ganze Truppe stellt reichlich aberwitzige Behauptungen auf und hat an Belegen – oder auch nur an schlüssigen Begründungen – nicht das Geringste zu bieten. Aber ihre Doktortitel tragen sie dabei wie eine Feldstandarte vor sich her. Traurig, dass sich so viele davon beeindrucken lassen. Gut, vierhundert sind bei drei Millionen Berlinern kein großer Prozentsatz. Aber bei sowas ist jeder Einzelne einer zu viel.

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Der Weltuntergang als Transmedia-Soap

Ist der Weltuntergang eine Transmedia-Soap? Gute Frage. Und wenn ja, möchte ich nicht wissen, in welcher Staffel wir uns gerade befinden.

Die Frage stelle ich mir aufgrund eines eigentlich belanglosen Zufalls: Bernd Harder hat in der vergangenen Woche die Himmelsposaunen ausgegraben. Und in der gleichen Woche habe ich mich angeregt durch eine Veranstaltung des Social Media Club Berlin, zum ersten Mal explizit mit dem Thema Transmedia-Storytelling beschäftigt. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass das Lieblingsthema der Apokalyptiker einige wesentliche Charakteristiken dieses Formats aufweist.

Was zum Teufel sind Himmelsposaunen?

Aus aller Welt berichten Menschen von einem rätselhaften Geräusch-Phänomen. Ohne ersichtlichen Grund, ohne ersichtliche Quelle scheint plötzlich der Himmel selbst zu erschallen. Ein dumpfes Dröhnen, gerade an der Hörbarkeitsschwelle erfüllt den Äther. Zahlreiche Videoquellen belegen das Auftreten des Phänomens rund um den Globus, mindestens seit 2009, plötzlich extrem gehäuft in 2011 und zu Beginn von 2012(!).

Niemand hat je eine Quelle lokalisieren können. Experten, die den Ton analysieren, stehen vor einem Rätsel. Doch schließlich fiel ein wirklich beunruhigender Fakt auf: Spielt man eine solche Aufnahme in der dreifachen Geschwindigkeit ab, gleicht sie auf schockierende Weise einem uralten jüdischen Warnsignal, einem Trompetenstoss auf einem traditionellen Hornistrument der israelischen Hirten der späten Bronze- und der Eisenzeit.

Der Zeit, in der sich die Ereignisse des Alten Testaments abspielen.

Ja ich weiss, die Offenbarung des Johannes gehört ins Neue Testament und damit in die Römische Zeit. Aber ich finde, mit dem Alten Testament klingt es irgendwie dramatischer. Und darauf kommt es bei dieser Art von Geschichten an.

Woher kommen die Himmelsposaunen?

Wie es aussieht, entstand diese Geschichte ursprünglich aus einer viralen Marketing-Kampagne für das Computerspiel Mass Effects 3. Darin geht es darum, die Erde gegen Maschinen aus dem Weltall zu verteidigen. Und um die Spannung im Spiel hochzutreiben, kündigt sich die Ankunft dieser Kriegsmaschinen durch eben dieses seltsame Dröhnen an.

Diesen an sich schon wirkungsvollen Spannungsbringer hat das Marketing zum Kernelement der Werbekampagne gemacht. Und zwar ohne zu verraten, wofür eigentlich geworben wurde. Dawoo hat in der Offensive auf den europäischen Markt in den Neunzigern ähnliches gemacht. Eine Weile gab es jede Menge Spots, in denen der Markenname mit positiver Konnotation präsentiert wurde, ohne dass man wusste, dass es um Autos geht. Dadurch hat man die breite Bevölkerung neugierig gemacht und eine Weile zum Rätseln gebracht, bevor die Auflösung verraten wurde. Das hat dazu geführt, dass der Name Daewoo sich relativ schnell in den Köpfen festgesetzt hat und die Produkte nicht wie andere Marken als namenloses asiatische Autos auf den Markt kamen.

Und für Mass Effects 3 ist ähnliches getan worden. Es wurden reichlich vermeintliche Video-Beweise für das Geräuschphänomen produziert und über Youtube und diverse Social Media Kanäle verbreitet. Das hat einige Diskussionen ausgelöst.

Nun ist es so, dass die Kreise, die für derlei Mystery-Phänomene empfänglich sind, nicht vollständig deckungsgleich sind mit den Liebhabern actiongeladener Computerspiele. Somit war klar, dass das ganze auch seine Welle in Apokalyptiker- und Konspirationisten-Kreisen schlagen musste. Ausgerechnet Gestalten der braun angehauchten Esoterik haben sich das Thema gekapert und daraus eine voll ausgearbeitete Weltuntergangs-Legende gestrickt, die sie jetzt ihrerseits über soziale Kanäle verbreiten – mit Video-Dokumentationen, die aus den gefakten Beweisen aus dem Computerspiel-Marketing zusammengeschnitten sind.

Entstehen apokalyptische Legenden über Transmedia-Storytelling?

Man darf gespannt sein, ob und wenn ja wie lange sich diese Story als Nachfolge-Legende nach dem Maya-Kalender halten wird. Aber es zeigt auch etwas über das Entstehen moderner apokalyptischer Visionen. Nämlich, dass diese aus der Eigendynamik, die in sozialen Medien gestreute Gerüchte entwickeln, hervorgehen können.

Auch die letzte poppuläre Weltuntergangs-Legende, der Mayakalender, hat eine lange transmediale und interaktive Geschichte hinter sich. Ursprünglich in den Siebzigern als pseudowissenschaftliches Buch veröffentlicht, hat sie sich über Stammtischdiskussionen, weitere Bücher, fragwürdige Zeitschriften und schließlich Internet-Foren weitergetragen. Dort wurde sie von geschickten Selbstvermarktern wie Dieter Broers aufgegriffen. Und speziell Broers hat es verstanden, sich mit einem geschickten Medien-Mix – Bücher, Vorträge, Internet-Communities – als Weltuntergangs-Guru zu etablieren und seine Geschichte über diese Kanäle in der Interaktion mit seinen Anhängern weiterzuentwickeln.

Es gibt wesentliche Unterschiede. Transmedia-Storytelling setzt normalerweise voraus, dass jeder weiss, das es um eine fiktive Geschichte geht. Trotzdem lohnt es sich, einmal zu fragen, inwieweit dieses Format auch von den Vertretern außergewöhnlicher Behauptungen genutzt wird – und wie man als Skeptiker dieses Format ebenfalls nutzen kann, um dem entgegenzuwirken.

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Bücher gegen Transmedia

Noch ein Nachtrag zum gestrigen Social Media Club:

Zwischen AMOS und einem Buchautoren war die Diskussion über Sinn und Unsinn des gedruckten Buches entbrannt. DIE Diskussion, nicht irgendeine, denn ich kenne genau die Diskussion seit mindestens 20 Jahren. In meinen Augen hat sich keiner der beiden durch seinen klaren Standpunkt geadelt, obwohl jeder auf seine Weise recht hat. Jeder hat die Vorteile und die Attraktivität des jeweiligen Mediums ganz richtig wiedergegeben. Und genauso die Nachteile des jeweils anderen.

Aber beide haben dabei übersehen, dass die beiden Medien in überhaupt keinem Konkurrenzverhältnis stehen. (AMOS hat bei seinem leidenschaftlichen Plädoyer gegen das gedruckte Buch sogar übersehen, dass er ja selbst in seinem Praxisbeispiel für ein gedrucktes Buch geworben hatte – mit dem vermeintlichen Konkurrenzmedium.) Die Wahrheit ist, dass beide Medien zwar das gleiche Grundbedürfnis – das nach Unterhaltung – befriedigen aber mit so deutlich anderen Mitteln, dass sie für ganz andere Charaktere in ganz unterschiedlichen Situationen attraktiv sind.

Interessanterweise hat auch Dungeons & Dragons weder das Buch noch das Fernsehen verdrängt. Obwohl es im Grunde die gleichen Vorzüge wie Transmedia-Storytelling hat – soziale Interaktion, Einfluss des Publikums auf die Geschichte – und in den Achtzigern eine Weile garnicht mal so viel weniger populär war. Aber das hatte nichts am Vorzug des Buches, das man einfach in der Tasche bei sich tragen und in der U-Bahn hervorholen kann, oder dem des Fernsehens, das man einfach anschalten kann, wenn man gelangweilt zuhause sitzt, geändert.

Medien verdrängen einander wenn überhaupt dann nur teilweise. Und es ist durchaus bezeichnend, dass Bücher gerade im Zeitalter von Sozialen Medien populär geworden sind wie noch nie. Und gerade der gestrige Abend hat eigentlich gezeigt, wie Bücher und Transmedia einander befruchten können. Insofern ist es eigentlich aus Sicht beider Parteien verwunderlich, dass sie es zum Anlass für eine – eigentlich längst beigelegte – Konkurrenzdiskussion nahmen.

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Transmedia Storytelling

Digitale Geschichten erzählen – darum geht es heute beim Social Media Club Berlin. Und ganz speziell für Raaaner, der heute leider nicht unter uns weilt, hier meine Vortragsnotizen.

Die Agende – einfach mal kackfrech aus Xing heraus kopiert – lautet wie folgt:

  1. Dorothea Martin
    (https://www.xing.com/profile/Dorothea_Martin2)
    wird für uns den Abend eröffnen und ein Sceensetting zu Transmedia Storytelling für uns machen. Hiernach dürfte dann jedem klar sein, weit weit das Feld dieser spannende Erzählweise digitaler Geschichte sein kann und was Transmedia Storytelling überhaupt ist.
  2. Danach wird uns Alexander Maximilian Otto Serrano, kurz AMOS
    (https://www.xing.com/profile/AlexanderMaximilian_OttoSerrano),
    einen Überblick über erfolgreiche Cases und Anwendung geben.
  3. Komplettiert wird das Programm von Michael Dreusicke
    (https://www.xing.com/profile/Michael_Dreusicke),
    der mit seiner Software PAUX eine Lösung für komplexe transmediale Erzählstrukturen geschaffen hat.

Gut, ich fange mal mit einem kleinen Kritikpunkt an: Es gibt wahrscheinlich mehr Plätze, von denen aus man die Twitterwall nicht sieht als Plätze von denen aus man sie sieht. Und selbst wenn der Blick frei ist, ist die Schrift nicht wirklich lesbar. Aber genug genörgelt; wir sind wegen der Vorträge hier.

Dorothea Martin

Dankenswerterweise beginnt sie mit einer kurzen Einführung. Der Begriff “Transmedia-Storytelling” wurde von Henry Jenkins geprägt. Er bedeutet, dass eine Geschichte über mehrere Medien hinweg erzählt wird. Jedes Medium kann dabei für sich selbst stehen. Aber gemeinsam bilden sie ein größeres Ganzes.

“Schnittstellen” heissen im Transmedia-Jargon “Entry Points”.

In Social Media können Menschen aktiv teilnehmen und die Geschichte mitgestalten. Das Publikum ist kein reiner Consumer mehr sondern trägt selbst zu der Geschichte bei. Soweit kennen wir das ja schon.

Der nächste Begriff: “Crossmedia”. Anscheinend heisst das, dass dieselbe Geschichte über unterschiedliche Medien verbreitet wird – Roman, Film etc. – ohne dass das Publikum selbst einen Einfluss hat.

Hmmm… das Beispiel habe ich nicht so richtig mitbekommen. Da war sie etwas schnell. Offensichtlich wird bei http://www.transmedia-storytelling-berlin.de/ gerade eine interaktive Geschichte in mehreren Staffeln erzählt.

Hilfreiche Fragerunde: Der Unterscheid zwischen Transmedia und Multimedia ist, dass bei Transmedia eine Geschichte erzählt wird. Der Unterschied zu Crossmedia ist anscheinend, dass bei Transmedia das Publikum an der Geschichte mitwirkt.

Und als nächster kommt…

AMOS

Okay, auch er fängt damit an, dass Werber im Social-Media-Zeitalter nicht mehr unwidersprochen alles erzählen können. Hübsch war seine Message The truth well told -> Märchenerzähler. Aber der Einstieg war trotzdem ein bisschen sehr klassisch.

Naja, und dann verliert er sich doch weiter in Headlines.

Interessant wird es bei der Botschaft “das Web bildet die Vernetzung seiner User ab. Die Botschaft muss diesem Netz folgen.”

Okay, er findet hübsche Metaphern. Über den Metzger, der dem Steppkes ein Scheibchen Wurst schenkt, über die Brüder Grimm und Wagner … bis hin zu der bereits bekannten Botschaft, dass Unternehmen in Sozialen Medien wieder lernen müssen, sozial zu sein. Insgesamt ein bisschen sehr viel von den üblichen Social-Media-Plartitüden und ein bisschen wenig handfeste Praxisbeispiele. Wenn man ehrlich ist, keins bisher.

Ah, jetzt gibt’s Beispiele!

Hmmm… “Die Partei” erzählt ihre (satirische) Geschichte per Youtube(!)-Video. Jetzt bin ich gespannt, wie die Story auf anderen Medien aussieht.

Okay, erstmal der Slogan “Reality is broken.” Dafür nicht der Transfer auf andere Medien. Es ging wohl eher darum, dass das Storytelling untrennbar mit der Realität verwoben wird. Die Story dringt in die Realität ein und die Realität in die Story. Aber wie ist es, wenn eine wahre Geschichte erzählt wird?

Zweites Beispiel: Ein online-getriggertes Live-Rolenspiel als Marketing-Idee für einen Roman. Das macht klarer, worauf er hinaus will. Mich würden jetzt die Erfolgsfaktoren eines solchen Transmedia-Event interessieren. “Die Leute wollen aus ihrem Alltag gerissen werden” leuchtet mir ein. Aber ehrlich gesagt ist es mir ein bisschen zu allgemein. Aber das Beispiel verdeutlich schon ganz gut, wie man die Botschaft bekannt machen kann, indem man die Grenzen der Medien durchbricht.

Mitmachen bei solchen Spielen kann man anscheinend bei einer gewissen Kaninchen-Community.

Und zum Schluss kommt er auf die Erkenntnis zurück, dass die erzählte Geschichte vor allem wahr sein muss – im dem Sinne, dass sie nicht mehr Spannung versprechen darf als der Roman halten kann.

Michael Dreusicke

Er macht’s spannend: “Oh, das kann man jetzt nicht sehen. Ist aber nicht so wichtig.” Und dann stellt er das technische Konzept vor, das seine Firma anbietet.

Und jetzt nochmal genauer der Unterschied zwischen Crossmedia und Transmedia. Seine Metapher: Beim Crossmedia muss man über eine Mauer – bei Transmedia ist schon alles verbunden. So richtig verstehe ich die Metapher nicht. Aber letztlich kommt er auch wieder dahin, dass “jeder in das Buch hinein schrieben kann”.

Jetzt wird’ technisch: Die Geschichte wird offenbar aus Content-Objekten mehrerer Werke zusammengesetzt. Offensichtlich sind die Content-Objekte Köder, in denen man Werbung platzieren kann. Das entscheidende an Transmedia ist, dass das, was über das Werk in Sozialen Medien gepostet wird, in das Werk zurückfließt.

Und dann geht es darum, wie die Textobjekte aneinander angeknüpft werden können. Dadurch wird der Text dreidimensional und man kann sich hineinzoomen. Okay. Und man kann unterschiedlichen Zielgruppen unterschiedliche Komponenten des gleichen Textes präsentieren.

Fazit

Unterm Strich war es eine außergewöhnlich dünne SMC-Veranstaltung. Die ersten beiden Vorträge waren etwas zu allgemein. Der letzte eher zu technisch. Und alle drei waren ein bisschen wirr. Zudem zuviele Headlines, die altbekanntes wie “das Publikum beinflußt die Story” und “man kann den Leuten nicht mehr alles erzählen” in schöne neue Worte fassten aber wenig neue Information lieferten. Die Diskussion um Sinn und Unsinn des gedruckten Buches – die kenne ich schon 20 Jahre – war eher überflüssig. Fragen die mich interessiert hätten, wie zum Beispiel, was eine erfolgreiche Transmedia-Kampagne ausmacht, blieben dagegen unbeantwortet.

Das ganze war ein Nice-to-Have. Aber nichts, was man nicht hätte versäumen dürfen.

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Ausgerechnet Bielefeld

Twitterer @westphal brachte es auf den Punkt: “Wenn Netzkultur zum Mainstream wird”. Aber trotzdem fühlte es sich irgendwie unbefriedigend an.

Ich gebe zu, dass ich gestern zum ersten Mal Wilsberg gesehen habe. Daher weiss ich nicht, ob der Gesamteindruck auf die ganze Serie zu übertragen ist und ob meine Erwartung vielleicht nur zu hoch war, um dem Witz, dem Charme oder der soliden Spannung eine faire Chance zu lassen. Ich frage mich also durchaus: War Wilsberg gut?

Und die Antwort lautet: Naja.

Zugegeben, einige Sprüche waren wirklich originell. Die Krawatten-Szene war ein echtes Highlight, nicht nur des gestrigen Abendkrimis sondern generell des öffentlich rechtlichen Fernsehens seit Wochen. Aber insgesamt war es ein bisschen hölzern. Deutsches Fernsehen halt. Allerdings deutlich über dem Durchschnitt, eindeutig.

Aber schauen wir uns die Story an: Der Verschwörungstheoretiker, der ermordet wird, weil er irgendwie recht hat – wenn auch nicht so wie er dachte. Das ist ein Klassiker. Besonders gelungen thematisiert wurde das in Fletchers Visionen. Es spricht nichts dagegen, dieses Thema neu zu verarbeiten. Man kann viel originelles neues daraus machen. Wilsberg hat das aber nicht wirklich geschafft. Aber selbst das ist legitim. Solide Fernsehunterhaltung, klassische Plots mit interessanten Figuren, reizvollen neuen Schauplätzen und technischen Spielereien neu zu inszenieren, ist vielleicht gerade das, was uns ein beständig unterhaltsames Durchschnittsfernsehen auf hohem Niveau ermöglicht. Und Wilsberg ist zumindest das in eingeschränkter Form gelungen.

Aber Bielefeld? Bei Bielefeld gibt es zwei Möglichkeiten:

  1. Der Zuschauer ist, wie ich, mit der Bielefeldverschwörung aufgewachsen und betrachtet sie als den Klassiker der Verschwörungs-Satire.
  2. Dem Zuschauer ist die Bielefeldverschwörung neu.

Im ersten Fall fiebert man darauf, zu erfahren, was die Drehbuchautoren mit dem an sich schon genialen Stoff geniales neues geschaffen haben. Und aus dieser Perspektive war das einzig überraschende das Ende. Plötzlich war es da. Plötzlich und unerwartet, als man eigentlich auf den Knüller gewartet hat.

Für Kenner der Bielefeldverschwörung fehlte einfach jede Form von Originalität. Eigentlich fehlte auch alles, was die Bielefeldverschwörung originell und genial macht. Es war einfach nur irgendeine beliebige Verschwörung, die als Hintergrund der Hirngespinste des Opfers herhalten musste. Es hätte genauso ein Komplott zum Überfall auf den örtlichen Lebensmittelladen sein können.

Und für den Neuen? Naja, viele Twitterer äußerten sich amüsiert über die Vorstellung, dass Bielefeld garnicht existiere. Aber dennoch fehlten eben die wirklichen rhetorischen Highlights, die der Bielefeld-Verschwörungstheorie bereits innewohnen. Und vor allem fehlte eines: Die Transferleistung zum Thema Verschwörungstheorien an sich. Der eigentliche kulturelle Wert der Bilefeldverschwörung ist, dass sie die grundsätzlichen logischen Fehler des Verschwörungsdenken auf amüsante Weise entlarvt. Denn die Bielefeldverschwörung ist vor allem ein Lehrstück, das auf publikumswirksame Weise zeigt, wie absurd Verschwörungslegenden an sich sind. Dazu ist sie da. Und wenn man sie schon aufgreift, um sie einem breiteren Publikum, das von diesen Themen bisher unberührt geblieben ist, zu präsentieren, dann sollte wenigstens das rüberkommen.

Was übrig blieb, war eine x-beliebige Verschwörungstheorie, die einen Aufhänger für die Hirngespinste einiger Phantasten lieferte, derentwegen sie sich versehentlich in ihren Untergang verrannten. Und da hat die Bielefeldverschwörung ein ganz erhebliches Problem: Sie ist unglaubwürdig. Auch das wohnt ihr inne. Auch das ist gerade das, was sie als lehrreiche Satire ausmacht. Sie führt nämlich vor, welche vermeintliche Überzeugungskraft Verschwörungs-Argumente haben können, selbst wenn die Verschwörungslegende absurd ist. Genau dadurch führt sie vor, wie absurd die Argumentationsstruktur selbst ist.

Sie als ein tatsächlich gelebtes Verschwörungsdenken zu präsentieren, führt genau das ad absurdum. Das Potential des Themas, sein wichtigster Aspekt geht dabei gänzlich verloren. Und so fragt man sich natürlich, weshalb die Wahl ausgerechnet auf die Bielefeldverschwörung fiel.

Auch aus der anderen Perspektive war die Wahl nicht besonders gut: Um eine spannende Krimihandlung aufzubauen, ist es per se nicht glaubwürdig genug, dass jemand wirklich an diesen Mumpitz glaubt.

Nun könnte man mit dem Verweis auf Poes Law einwenden, dass es auch Schwerkraftleugner und Lichtesser gibt. Das stimmt. Aber dann hätte man eine ganz andere Story. Dann möge man bitte auch diese Form von Wahnsinn und vor allem auch Poes Law selbst sorgfältig thematisieren. Daraus einfach unkommentiert einen Hintergrund zu machen, der versehentlich wahr ist, nur aus ganz anderen Gründen, ist einfach zu platt – deshalb, weil das Thema mehr Tiefgang hat als die Autoren überhaupt erkannt haben, und auch deshalb, weil es mit diesem reduzierten Tiefgang einfach unglaubwürdig wirkte. Also eins haben die Macher von Wilsberg geschafft: Sie haben sowohl der Vorlage als auch dem Produkt wirkungsvoll die Luft aus den Reifen gelassen.

Und sie haben noch etwas geschafft: Sie haben mich dazu gebracht, Wilsberg zu gucken. Das könnte eine Marketing-Leistung sein. Nur dazu müsste das Produkt dann auch überzeugend sein. Denn entgegen aller Klischees ist Marketing nicht in der Lage, dem Yeti eine Tiefkühltruhe anzudrehen. Marketing kann lediglich die Neugier des Publikums auf ein an sich schon gutes und nützliches Produkt lenken. Durchsetzen tut sich das Produkt wegen seiner echten Qualitäten, nicht wegen des Marketings. Und speziell für Menschen, die sich für Verschwörungstheorien interessieren, war diese Adaption der Bielefeld-Thematik einfach zu banal.

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Hello world!

Welcome to WordPress. This is your first post. Edit or delete it, then start blogging!

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Okay, so einen hübschen Default-Artikel muss ich einfach stehen lassen.

Ich werde einige Zeit brauchen, um etwas WordPress-Routine zu entwickeln. Dass hier noch Farbeimer und Tapetenrollen rumfliegen, ist also nicht zu vermeiden. Ich hoffe, es macht trotzdem Spaß!

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Das deutsche Currywurst-Museum

Oder: Ostereier suchen mit dem Curry-King

Es ist immer gut, wenn der Sponsor klar zu erkennen ist. Zum Beispiel ist es hilfreich, daß Sat1 ausdrücklich darauf hinweist, daß Navy CIS von Elite-Partner präsentiert wird. Sonst käme ich im Leben nicht darauf, daß der dreimal geschiedene und auch sonst in seiner sozialen Kompatibilität erheblich eingeschränkte Leeroy-Jethro Gibbs als Werbefigur den Claim „Singles mit Niveau“ verkörpern soll.

Der Gedanke, daß der Meica Curry-King sein Scherflein zum unnötigsten Museum der Welt beigetragen hat, ist da schon bedeutend naheliegender. Deshalb muß Meica seine Präsenz auch nicht mit dem Holzhammer verkünden sondern kann bedeutend subtiler, sozusagen durch diskrete Stiche mit dem Pommes-Pikser, auf seine angestrebte Rolle im Leben des deutschen Currywurst-Verbrauchers hinweisen. Da ich mich bereits in einerprofunden Analyse mit einer für den Curry-King vielversprechenden potentiellen Vermarktungsstrategie auseinandergesetzt habe, lohnt wohl ein genauerer Blick auf diese originelle Form der Kundenansprache.

Doch bevor man sich die Frage stellt, wie sich die quietschbunten Plastikschachteln wohl in die Ausstellung einfügen, fragt man sich vermutlich – mir ging es zumindest so – wie die Ausstellung eigentlich überhaupt gestaltet ist. Was gibt es zu sehen? Die Antwort ist relativ einfach: Nichts. Naja, etwas differenzierter sollte man es schon formulieren: Eigentlich nichts.

Das Deutsche Currywurst-Museum bringt seiner Zielgruppe – wahrscheinlich sind das internationale Touristen, die auf der Friedrichstraße für einen Spontanbesuch eingefangen werden – die Currywurst, ihre Geschichte, ihr kulinarisches Selbstverständnis und ihre Bedeutung im Leben und für das Lebensgefühl ihrer Liebhaber nahe. Interessant ist, zu beobachten – und dafür lohnt in der Tat ein Besuch – wie ein Thema, zu dem auf einer halben A4-Seite eigentlich alles gesagt wäre und zu dem es praktisch keine präsentationsfähigen Original-Exponate gibt, auf mehreren hundert Quadratmetern Ausstellungsfläche so aufbereitet wird, daß der geneigte Besucher ziemlich genau die Stunde Infotainment bekommt, die ihm am Eingang als Besuchszeit empfohlen wird.

Zu sehen gibt es klassische Currywurst-Gerichte – also nicht so ein großbürgerlicher Schnickschnack, wie ich ihn mir immer ausdenke, sondern Klassiker wie den Taxi-Teller – in Kunstharz gegossen. Zu riechen gibt es diverse Gewürze, die aus einer anständigen Cyrrywurst-Soße nicht wegzudenken sind. Zum Ausprobieren gibt es einen elektronischen Ich-schneide-die-Currywurst-Contest und vor allem eine originalgetreu und in Originalgröße nachgebaute vollständige Currywurst-Bude – ein begehbares Exponat, in dem man die Welt einmal aus der Perspektive des Currywurst-Verkäufers sehen kann. Es fehlt dabei der Fettgeruch und die unsorgfältig ausgenüchterte Kundschaft. Aber immerhin gibt es auf Knopfdruck authentischen Currywurst-Talk vom Band. Die Originalität der Dialoge ist zwar etwas mager – „Einmal Currywurst-Pommes bitte!“ -, aber irgendwie nett ist es schon. Vielleicht müßte da nochmal ein guter Texter mit ein paar witzigen Ideen ran.

Dazu gibt es noch allerlei andere unterhaltsame Zero-Knowledge-Informationen, wie zum Beispiel die umweltfreundliche Pappschachtel in unterschiedlichen Stufen der Herstellung und der Kompostierung. (Der ketchupverschmierte Müllhaufen fehlt. Oder er ist so sauber, daß er nicht weiter auffällt. Ich weiß es nicht mehr so genau.) Aber der Frage nach dem Sponsor kommen wir erst näher, wenn wir uns dem hinteren linken Bereich der Ausstellung nähern. Dort versteckt sich der grellbunte Meica-Klotz gleichermaßen subtil wie aufdringlich dort, wo er nach der Vorstellung seines Herstellers auch hingehört: Im Kühlschrank eines jeden gutsortierten Haushaltes.

Die stilvoll in die beiden Präsentationswände eingebauten Kühlschränke repräsentieren unterschiedliche Charaktere durch ihre Eßgewohnheiten. Die meisten Touristen merken das garnicht sondern wundern sich nur über den leicht abgedunkelten Bereich, in dem es nichts weiter gibt als Kühlschränke. Nur wer sich traut und neugiereig genug ist, diese zu öffnen, dem strahlt in der grellen Innenbeleuchtung der jeweilige fiktive Besitzer entgegen. Oder besser gesagt dessen Vorräte. Es gibt die trend- und gesundheitsbewußte Architektin genauso wie die Mehr-Generationen-Familie mit unterschiedlichen Geschmäckern oder den Fast-Food-Single.

Und jetzt raten Sie mal, was alle gemeinsam haben. Genau, die Liebe zur Currywurst, verbunden mit der Wertschätzung für einen Hersteller, der sie schnell, einfach und lagerfähig bereitstellen kann – der eine eher heimlich und gelegentlich, schamhaft hinter dem Rucola-Salat versteckt, der andere einfach einen ganzen Kühlschrank voll davon. So unterschiedlich wir auch sein mögen, die Currywurst ist etwas, was uns alle vereint. Klarer kann man eine Werbebotschaft garnicht auf den Punkt bringen. Und mit weniger Worten sowieso nicht. Eine gelungene Text-Bild-Kombination – ganz ohne Text.

Es ist ein Bißchen wie zu Ostern. Oder in einem Eläkeläiset-Konzert, wo die Künstler für Ihre Fans im Saal Flachmänner versteckt haben. Allerdings mit einem Unterschied: Während die lustigen Finnen von ihren Fans sogar erwarten, daß sie den Schnaps auch trinken, ist der versteckte Curry-King sicher hinter Glas untergebracht. Das mindert das Oster-Erlebnis dann doch erheblich.

Eine zweite Sache, die das Erlebnis deutlich mindert, ist der Preis. Für elf Euro ist das eigentlich nette Programm dann doch ein Bißchen mager. Und zu sehr Marketing-Veranstaltung ist es für diesen Preis allemal. Daß die relativ aufwendige und dabei nicht sonderlich publikumsträchtige Ausstellung für einen geringeren Preis nicht zu finanzieren ist, mag sein. Aber das war noch nie ein Argument für hohe Preise. Vielmehr darf man es als zum Anlaß nehmen, das Konzept als solches zu hinterfragen. Auf die eine oder andere Art wäre die deutsche Currywurst-Kultur wahrscheinlich auch ohne Currywurst-Museum ausgekommen. Es schmerzt mich, das zu sagen, denn in der Ausstellung steckt viel Liebe, und das Personal ist sehr nett und äußerst bemüht. Aber letztlich ist es einfach zu offensichtlich der Versuch, nichts so lange aufzupumpen, bis plötzlich etwas daraus wird. Bei Licht betrachtet gibt das Thema einfach kein ganzes Museum her. Vielleicht wäre ein Currywurst-Restaurant mit Informationsgehalt die bessere Idee gewesen – Erlebnisgastronomie mit Bildungsanspruch statt Infotainment mit angeschlossener Imbißbude.

Aber die Idee, zu Ostern den Curry-King zu verstecken, kann man gut mit nach Hause nehmen. Allerdings: Käpt‘n Ron meinte etwas volkommen anderes als er sagte, „sie spielen unter der Dusche Versteck-die-Salami.“

 

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Fix & fertig mit dem Curry-King

Sonntag früh, 5 Uhr 13. Zeit für einen kulinarischen Tiefflug

Das Menü:

  • Meica Curry-King aus dem Kühlregal,
  • dazu Wolters Pilsener, original aus der 0,33 Liter Maurerkanne.

Die Anleitung:

  • Rückenetikett mit Piekser und Curry-Tüte entfernen.
  • Deckel mehrfach mit der Gabel einstechen, 2 Minuten in der Mikrowelle (750 Watt) erhitzen.
  • Original Curryking-Spezialcurry [sic!] aufstreuen und stilecht mit dem Holzpiekser genießen.

Sollte der Meica Curry-King eines Tages auf den US-Markt expandieren, wird er wahrscheinlich eine Klagewelle auslösen weil in der Anleitung nicht steht, daß man den Deckel abreißen muß. Das wiederum bringt mich auf die Idee, einen Video-Contest auszuloben. Schicken Sie mir Videos von Ihren Versuchen, den Meica Curry-King ohne Entfernen des Deckels zu essen. Vielleicht schreibe ich ja etwas über die pfiffigsten Ideen. Auf jeden Fall aber wäre Ihnen der Kultstatus auf Youtube gewiß.

Das Fazit:

Der Plastikschachtelkönig selbst ist bei weitem nicht so fürchterlich, wie man es beim Anblick der aromafesten Sicherheitsumhüllung aus sterilem Kunststoff in antibakterieller Rot-Gelb-Farbgebung erwarten würde. Zur eingangs erwähnten Tageszeit paßt er durchaus sinnstiftend in die Lücke zwischen verschmähter Liebe und aufkommendem Kater. Ein interessantes Detail ist, daß sich das Gericht in der ungeöffneten Originalverpackung genauso anfühlt wie die unbenutzten Kondome, die man in diesem Moment aus Mantel- und Hosentaschen hervorkramt. Verschwörungstheoretiker würden behaupten, dahinter stecke eine perfide Marketing-Strategie; diese Assoziation werde absichtlich geweckt um die Gedanken in diesem Moment in Richtung Kühlschrank zu lenken. Tatsächlich wäre dieser säuerlich-trübe Ausschnitt des Lebens auch der Ansatzpunkt auf dem ich als Marketer die Identität dieses Produktes aufbauen würde.

„Wenn das Leben Dir den Stinkefinger zeigt, ist diese Wurst Dein einzig wahrer Freund.“

Aber so clever sind Marketing-Abteilungen in der Regel nicht. Ich behaupte daher, das alles ist einfach ein hübscher Zufall. Eigentlich ist es auch – ohne jedes Wortspiel – Wurscht, denn es ging ja lediglich um die Bewertung nach kulinarischen Gesichtspunkten. Und da muß man wirklich sagen, daß es bei weitem nicht der furchteinflößende Gelatine-Matsch ist, den die hermetisch versiegelte Plastikverpackung, die mich an Endzeit-Filme der Siebziger Jahre denken läßt, erwarten ließ. Die Wurst hat eine manierliche Konsistenz und schmeckt durchaus nach Fleisch. Ihr eigentlicher Geschmack ist allerdings schwer zu beurteilen, weil der aufdringliche Süßsauer-Geschmack der Soße alles zudeckt. Ähnlich ergeht es dem Curry, von dem letztlich nur ein – allerdings sehr angenehmer – Hauch von Schärfe übrig bleibt. Ich vermag nicht zu sagen, ob das eher schade ist, weil die Wurst mehr Potential hätte, oder ob das Absicht ist und nur die letztlich mindere Qualität der Zutaten kaschieren soll.

Köche sind manchmal cleverer als Marketer. Und eigentlich ist das ja auch eine ganz gute Nachricht.

Ist man bereits mit dem Odeur abgestandenen Bieres in den Klamotten und dem entsprechenden Nachgeschmack am Gaumen heimgekommen, entfaltet der Ketchup auf durchaus erquickliche Weise seine Andeutung von Tomaten-Aroma – welches ihn deutlich von manchem Supermarkt-Ketchup abhebt – und verdrängt dadurch den ekelhaften Belag im Rachen – und für einen Moment auch den schmerzlichen Belag auf der Seele.

Würde man den Curry-King einfach als Snack zwischendurch und dazu noch in der neuen, schwachsinnig großen XXL-Portion verzehren, würde man sich hinterher wahrscheinlich fühlen als hätte man ein ganzes Glas Gewürzgurken samt Deckel verschluckt. Ich habe es nicht ausprobiert; das ist selbst mir zu krank. Doch nach fortgeschrittenem Alkoholgenuß weckt der leicht übertriebene Gehalt an Zucker und Billig-Essig alsbald das Verlangen nach dem letzten Bier der Nacht.

Hier kommt die Maurerkanne ins Spiel. Mit bodenständiger Frische und ungehobelter Ehrlichkeit spült sie schließlich alle positiven und negativen Aromen und Assoziationen fort, schickt Herrn Kater und seinen Kumpel, den Liebeskummer noch einmal in die Warteschleife und leert den Geist für einen ausgedehnten Vormittag im Bett.

Kenner würden das Zusammenspiel der Aromen möglicherweise folgendermaßen umschreiben:

Der glasklare, hefige und etwas erdige Anklang, des Bieres der trotz seiner kompromißlosen Frische nicht die abrundende Andeutung von versöhnlicher Süße vermissen läßt, bildet – wie zu erwarten war – einen angenehmen Kontrast zu Süße, Säure und Fettigkeit des Essens. Dieser drückt sich nicht, wie man befürchten könnte, durch einen zu harten, unangenehmen Wiederspruch sondern durch eine positive Ergänzung auf Ebene komplementärer Aromen aus. Möglicherweise fungiert die kaum merkliche unterstützende Süße des Bieres hier als Bindeglied – kaum spürbar, so daß man ein frisches, kantiges norddeutsches Bier bekommt, aber dennoch unbewußt präsent so daß Harmonien mit süßlichen, säuerlichen und fruchtigen Speisen möglich sind. Der lange Abgang der an die regenfeuchten Hopfenfelder seiner Heimatregion denken läßt, bereitet andersherum den Weg für die dominierende Süße und Säure der Currywurst und verstärkt in der an sich billigen Soße eher die erwünschten als die unerwünschten Aromen. Dies verleiht dem Mikrowellengericht fast so etwas wie eine bodenständige Noblesse. Mit dem Bier kommt der Curry-King schon recht nah an die Simulation des Erlebnisses der ehrlichen Currywurst von der authentischen Frittenbude heran. Der größte Abstrich dabei ist, daß die originale Pappschachtel durch Plastik ersetzt wird. Für ein Fertigprodukt, das geschaffen ist, um im Kühlschrank ein Schattendasein zu führen, bis die Wirrungen des Lebens uns dorthin bringen, ausgerechnet danach zu verlangen, und dann ehrlich ohne weitere Vorbedingungen bereit zu stehen, ist das wirklich nicht schlecht.

Ich sage folgendes:

Ein solches Produkt muß garnicht an glückliche Hausschweine, sonnengereifte Tomaten und edle indische Gewürzpflanzen erinnern. Im Gegenteil, es soll an die letzte noch geöffnete Frittenbude auf den Sauftouren einer wilden Jugend erinnern, unter deren Vordach man vor dem strömenden Regen Schutz suchen und sich an der wohligen Würze irgendeiner billigen Curry-Mischung wärmen konnte. Hauptsache, es gibt dann gerade eine alte Folge Al Bundy im Fernsehen. Dann ist die Welt wieder in Ordnung.

Und außer der eigenen Leber stört es niemand wenn man Paracetamol mit Bier runterspült.

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Die Wurst zum Film

Die deutsche Schauspielzunft hat mal wieder das getan, was sie am besten kann: Besenstiele verschlucken. „Wir haben einen spätpubertären Eltern-Kind-Konflikt, und in unserem supergefährlichen Biowaffen-Labor sind alle Sicherheitssysteme ausgefallen. Sollen wir jetzt eine Problemkerze anzünden oder zwei?“

Die Verfilmung von Ken Follets „Eisfieber“ bot alles, was wir uns von unseren Fernsehgebühren anscheinend wünschen: Belanglose Familienproblemchen uneloquenter Großbürger in einfältig zähe Dialoge gegossen und vorgetragen von Schauspieler-Trampeln, die wirkten wie Erstklässler beim Krippenspiel. Diesmal mit Killervirus.

Dieses Machwerk war so hoffnungslos deutsch, dazu mußte man einfach Sauerkraut essen.

Das gute an Würstchen mit Sauerkraut ist, daß diese Kombination kulinarisch kaum zu übertreffen und dabei gleichzeitig so hausbacken ist, daß man sie ohne weiteres zu einem ZDF-Zweiteiler reichen kann. In gewissem Sinne erreicht man damit eine Harmonie der Gegensätze – schlechter Film, gutes Essen -, die dabei aber streng der Logik des Terroir – deutscher Film, deutsches Essen – folgt und somit selbst den größten Mist aus den Pressen deutscher Zelluloid-Entsorger irgendwie adelt.

Aber wir wollten eigentlich Currywurst speisen. Und so schuf die fiktive Gentechnik eine lukullische Chimäre:

  • Fleischwurst mit Curry-Kraut.
  • Dazu Wolters „Schwarzer Herzog“.

Man nehme eine Curry-Fleischwurst gehobener Qualität. (Irgendwas muß ja was taugen.) Diese brate man in reichlich Olivenöl knusprig und stelle sie anschließend im Backofen warm. Dann gebe man eine kleine, gewürfelte Zwiebel in das heiße Bratenfett und lasse sie glasig anschwitzen. Anschließend gebe man das Sauerkraut hinzu. Sobald dieses heiß ist, gebe man reichlich milden Curry und zwei bis drei in streifen geschnittene getrocknete und in Öl eingelegte Tomaten hinzu. Dies alles rühre man sorgfältig unter. Das Ganze richte man auf der Wurst an.

Curry sollte man wirklich reichlich am Start haben. Sauerkraut hat ein ungeheuer dominantes Aroma, und man muß wirklich viel Gewürz hinzugeben, damit man überhaupt etwas davon schmeckt. Dann allerdings erreicht man eine erstaunlich gelungene Kombination. Zusammen entwickelt beides eine exotische Süßnote, die die an sich penetrante vegetabilische Säure des Krauts entschärft und harmonisiert. Damit spielt der Curry hier eine ähnliche Rolle wie die Unmengen an Fett, die üblicherweise in Sauerkraut-Gerichten verklappt werden. Ohne Wurst und mit etwas moderateren Mengen an Öl wäre das vielleicht eine elegante Lösung für eine kleine Frühlings-Diät. Aber daran muß ich noch basteln. Fakt ist, daß der Klassiker Würstchen mit Sauerkraut – nichts entfaltet das deftige, fleischige Aroma einer guten Wurst besser als Sauerkraut – durch die currywurst-typischen Aromen nicht etwa zerstört sondern im Gegenteil bereichert wird. Während die Säure des Krauts ohne Curry manchmal zu hart gegenüber dem weichen, aromatischen Fleisch wirkt und dieses wiederum unangenehm tranig wirken läßt, bringt die exotische Würzigkeit des Currys das zarte Fleischaroma exzellent zur Geltung. Die elegante Wirkung des Currys auf die Fleischwurst zeigt sich erstaunlicherweise erst hier, wo man die Tomate einmal zum Nebendarsteller degradiert.

Die kräftigen, leicht bitteren und etwas nussigen Karamell- und Röstnoten des Schwarzen Herzogs sind eine wunderbare Abrundung für den orientalischen Süß-Sauer-Charakter des Gemüses und gleichzeitig ein guter Durstlöscher zur fettigen Wurst. Nach ein paar Flaschen davon tun die hilflosen Dialoge in der Flimmerkiste dann auch schon garnicht mehr so weh. Allerdings bleibt trotzdem der fade Nachgeschmack, daß der ältliche Traumschiff-Duktus selbst durch Killerviren – die spätestens seit Outbreak im Grunde auch kalter Kaffee sind – nicht moderner wird.

Ich will meine Fernsehgebühren zurück.

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Die HBX-Stadtbrauerei

…am Aegi in Hannover

Man könnte jetzt trefflich diskutieren, was Salat auf einem Currywurst-Teller zu suchen hat. Fakt ist jedoch, daß die fein mit Ketchup benetzten Rucola-Blättchen in diesem Menü eindeutig das Tüpfelchen auf dem i waren. Die Ketchup-Soße, die nicht unbedingt spektakulär aber recht gut war, schmackhaft wenngleich etwas ohne Profil, entfaltete im Kontrast zur vegetabilischen Bitterkeit des Salats erst richtig ihre tomatige Fruchtigkeit. Ein wirklich fantastisches Arrangement aus bitter und süß, aus vegetabilisch und fruchtig, aus gesund und lecker. Wenn das HBX Brauhaus seine C-Wurst mit gehacktem Rucola bestreut servieren würde, könnte der Laden glatt Kultstatus entwickeln.

Möglicherweise ist „Gegensätze ziehen sich an“ ein grundlegendes Konzept. Aber auch das wäre keine Entschuldigung dafür, zum selbstgebrautem Bier einen industriell gefertigten Schweineprängel mit Geschmacksverstärker zu reichen.

Widmen wir uns zunächst dem Bier, denn das ist wirklich einen Besuch wert. Wer das HBX-Hausgebräu bestellt, bekommt etwas deutlich anderes als das, was der durchschnittliche Heide-Bürger normalerweise erwartet, wenn es Gerstensaft Pilsener Brauart bestellt. Die dunkelorange Färbung erinnert an Bernstein; die flache, dichte rötlich weiße Blume kündet bereits vom niedrigen Kohlensäuregehalt und der seidig-öligen Textur. Überwältigend ist dann der ganz von süßen, leicht malzigen, sich sofort am Gaumen ausbreitenden Fruchtnoten – Quitte mit etwas Stachelbeere – dominierte Anklang. Wer die herbe und würzige Frische eines norddeutschen Pils erwartet hat, stutzt zunächst. Würzigkeit entsteht nicht so sehr durch den Hopfen sondern eher durch den nussigen und ganz leicht rauchigen Eindruck im Abgang und sehr dezente Gewürznoten im Hintergrund. Der Hopfen zeigt sich zunächst auch erst nur leicht im Abgang.

Die feinen Blasen kribbeln ob der leicht dickflüssigen Textur nicht sondern reizen Zunge und Gaumen unterschwellig gerade so, daß daß das Bier nicht schwer und süß sondern ausgewogen und durstlöschend wirkt. Diese Ausgewogenheit zwischen Textur und Kohlensäuregehalt – noch dazu vom ersten bis zum letzten Schluck – sucht ihresgleichen.

Mit der Zeit verschiebt sich das Geschmackserlebnis. Die betont gefälligen Fruchtnoten – die sonst mit der Zeit wahrscheinlich langweilig würden – weichen nach und nach rustikalem Karamell mit ganz leichten Röstnoten. Von Schluck zu Schluck bildet sich ein immer längerer Abgang, in dem Hopfen und Karamell eine überraschend harmonische Allianz eingehen, heraus.

Vor diesem Hintergrund wird auch die im Kontrast zur recht würzigen Wurst auffallend milde, fast langweilige Soße und der recht sparsam eingesetzte eher milde, süßliche Curry verständlich. Zwischen der milden Süße der Soße und des Bieres, den Röstnoten der Wurst, der für Ketchup fast etwas dünnflüssigen Konsistenz der Soße und der leichten Öligkeit des Bieres entsteht ein wirklich gelungenes Zusammenspiel auf den Ebenen von Aroma und Textur. Daß dieses primär der Regel von Harmonie zwischen gleichartigen Charakteristiken folgt, ist zunächst kein Nachteil. Erst auf den letzten Zentimetern der Wurst entsteht möglicherweise der Eindruck von Eintönigkeit. Hier ist der Rucola das Mittel der Wahl, um in die Harmonie der Gleichartigkeit eine Harmonie der Gegensätze einzubringen und dem Ganzen insgesamt noch etwas mehr Pfiff zu verleihen.

Danke für die Salatbeilage!

Die Wurst an sich war eine qualitativ eher hochwertige Supermarkt-Wurst, an der die Zugabe an Geschmacksverstärker der einzige wirkliche Kritikpunkt ist. Zunächst hat sie dadurch zwar ein positives, würzig fleischiges Aroma. Mit der Zeit merkt an aber doch, daß es nur Fassade ist. Zubereitet ist sie gut. Das Brät ist saftig und hat genau die richtige Konsistenz. Der relativ hohe Fettgehalt belastet vielleicht das Gewissen, ist dem Geschmack aber eher zuträglich. Die Pelle ist nicht zäh, bietet beim Zubeißen aber gerade den Widerstand, den es braucht um nicht breiig zu wirken. Im eben beschriebenen Gesamtkonzept ist die Würze und das Fett-Aroma fast zu dominierend um dem oben beschriebenen Zusammenspiel der Aromen ausreichend Raum zu lassen. Es bleibt zu hoffen, daß HBX irgendwann die Großmarkt-Wurst durch ein etwas milderes aber dafür von sich aus fleischiges Produkt von einem hochwertigen Metzger ersetzt, gern auch eins mit nennenswertem Rindfleisch-Anteil. Das wäre sicher die angemessenere Würze in diesem Gesamtkonzept.

Die Pommes Frites kamen offensichtlich aus der Tüte. Sie waren knusprig und schmackhaft. Aber sie waren so sehr Standard-Pommes, daß man als Ingenieur unwillkürlich nach der Seriennummer zu suchen beginnt. Auch hier ging der individualistische Charakter des Brauhaus-Konzeptes flöten. Das größere Problem ist jedoch, daß die Pommes Frites das Geschmackskonzept vollkommen sprengen. Das fettige Kartoffel-Aroma nimmt dem Bier gänzlich seine Frucht- und Karamell-Noten – oder anders formuliert alles, was es interessant macht. Wenn es unbedingt Pommes Frites sein müssen, wäre ein kräftigeres Bier anzuraten. Aber da das Pils eigentlich das besondere in diesem Menü ist, wäre es eher anzuraten, einfach Brot oder vielleicht gekochte Kartoffeln zur Wurst zu bestellen.

Insgesamt ist HBX positiv zu bewerten – nicht zuletzt auch durch reizvolles Bar-Ambiente, schönes Erscheinungsbild des Essens auf dem Teller und freundliches Personal – was allerdings bei dem Kontrast zwischen Marketing mit hauseigenem Bier und Essen aus der Tiefkühltruhe ein wenig gekünstelt und unauthentisch wirkt. Da die Wurst Geschmacksverstärker enthält, kann das Urteil nicht besser als „durchschnittlich“ lauten. Doch das ist durchaus verdient. Die kleinen Schönheitsfehler und Disharmonien sind dem Genuß letztlich nicht abträglich und liefern vielleicht Anlaß zur Weiterentwicklung. Potential, um etwas besonderes zu bieten, ist vorhanden.

 

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