#SkepKon 2013 – Persönliche Nachlese

Ein großartiges Konferenzwochenende ist vorbei. Die Batterie ist leer. Und es wurde sicher schon ausführlich genug berichtet. Darum halte ich hier nur ein paar Dinge fest, die mir ganz persönlich als bemerkenswert haften geblieben sind.

Wissenschaftliche Methodik für “Ghosthunter”

Sebastian Bartoschek berichtete im Rahmen des Publikumstages über seine Untersuchung der Geisterjäger-Szene. Interessant aber bisher nicht erklärbar ist das Phänomen, dass es in Städten am östlichen und am westlichen Rand Deutschlands anscheinend eine rege Geisterjäger-Szene gibt, weiter im Landesinnern dagegen anscheinend nicht.

Auch bemerkeswert, wenngleich naheliegender ist, dass deutsche Geisterjäger zwar allerlei Versuche und Messungen machen, diese aber aus naturwissenschaftlicher Sicht keine Unterscheidung zwischen Spuk-Phänomenen und anderen Ursachen zulassen. Beispielsweise stellt der sogenannte Move-Test nur fest, dass leichte Gegenstände verschoben wurden. Ob daran ein Spuk oder einfach ein Luftzug oder eine Erschütterung schuld war, ist nicht festzustellen. Auch Temperaturmessungen lassen keine Unterscheidung zu, ob ein Geist beim Materialisieren Wärmeenergie aus der Luft abzieht oder ob einfach ein Fenster offen ist.

Insofern stellen die Versuche der Geisterjäger bei allen akribischen Bemühungen keinen Test ihrer Hypothesen dar. Und selbst wenn tatsächlich mal ein Geist erscheinen sollte, könnten die Methoden ihn nichtmal von natürlichen Ursachen unterscheiden.

Sebastian plädiert für Untersuchungsmethoden, die eine klare Unterscheidung zulassen, und begründete Standards. Das ist prinzipiell richtig. Ich stelle mir allerdings die Frage, wieviele Geisterjäger noch bei der Geisterjagd blieben, wenn sie ihre Methoden wirklich unter wissenschaftstheoretisch haltbaren Kriterien sehen würden. Denn Sebastian bringt sein Publikum zum Schmunzeln mit dem naheliegendsten, was der Geisterjäger-Szene aus seiner Sicht fehlt: Geister.

Immer wieder Pseudomedizin

Der Schwerpunkt Pseudomedizin brachte erwartungsgemäß viel haarsträubendes. Aber hier und da auch eine gewisse Ermüdung seitens des Publikums. Die GWUP stellt dieses Thema schon seit langer Zeit sehr exklusiv in den Mittelpunkt. Das hat gute Gründe. Homöopathie und Antroposophische Medizin sind nicht nur mit Abstand die verbreitetsten irrationalen Überzeugungssysteme in Deutschland. Sie haben auch aktive Unterstützung aus Politik und Medien. Und sie verursachen Leid und massiven Schaden, indem sie in großer Zahl Patienten von wirksamen Behandlungen abhalten.

Deshalb ist es zu begrüßen, dass die GWUP sich intensiv diesem Themen widmet. Aber die Themenvielfalt leidet auch ein bisschen unter diesem Engagement. Und viele Mitglieder sind eigentlich wegen anderer Themen dabei. Es wäre wünschenswert, dass wir damit einen Umgang finden, der der Interessenvielfalt ein bisschen besser gerecht wird. Ich persönlich finde den Themenschwerpunkt vor allem bei Lobby- und PR-Aktivitäten wichtig. Vorträge zu pseudomedizinischen Themen würden mehr bewirken, wenn sie sich außerhalb der GWUP-Konferenz an ein breiteres Publikum richteten. Bei der eher internen Konferenz könnten wir uns dann ein bisschen mehr den anderen Themen widmen.

Grundsatzdiskussion über wissenschaftliche Methodik in der Medizin

Ein Punkt ist aber sicherlich aus den Diskussionen über Pseudomedizin herauszugreifen: Johannes Ring fordert eine radikale Änderung der Zulassungsgrundlagen für medizinische Behandlungsverfahren. Das zentrale Argument: Durch die Fokussierung auf positive Studien als einziges Kriterium haben quasi-magische “Therapieformen” wie Homöopathie die Möglichkeit sich mit naturwissenschaftlich plausiblen Methoden auf eine Stufe zu stellen – egal wie eindeutig sie aus naturwissenschaftlicher Sicht widerlegt sind. Er plädiert dafür, naturwissenschaftliche Plausibilität statt empirische Evidenz zum Kriterium zu machen.

Diese Forderung wird von der breiten Masse kritisch gesehen. Einige der wichtigen Gegenargumente:

  1. Wir sollten nicht leichtfertig bewährte wissenschaftliche Standards aufgeben nur weil sie von einem einzigen absurden Ansatz missbraucht werden.
  2. Es ist bei vielen Therapien nicht klar, wie sie aus naturwissenschftlicher Sicht genau funktionieren. Wir würden bei vielen Methoden viel Zeit unnötig verlieren. Auf einen Teil müssten wir ganz verzichten, obwohl er nachweislich funktioniert.
  3. Speziell die Homöopathie lebt vor allem von ihrer Lobby-Arbeit und der kritiklosen politischen Unterstützung. Das angesprochene Problem ist eher ein Nebenaspekt.
  4. Ein Ausschluss wegen naturwissenschaftlicher Unplausibilität würde der Behauptung, “Alternativmedizin” werde Unterdrückt, Vorschub leisten.

Nun ja, ich persönlich halte da durchaus mit Carl Sagan und “extraordinary claims require extraordinary evidence”. Es spricht nichts dagegen, dass Verfahren, die dem Stand der Naturwissenschaften direkt widersprechen, besonders kritisch geprüft werden. Das sollte beim Zulassungsverfahren auch explizit Beachtung finden. Aber bei einer angemessen kritischen Prüfung kann und sollte man die prinzipielle Möglichkeit, dass die moderne Physik sich als falsch erweist, auch zulassen.

Denn erstens wäre alles andere erst recht mit einem wissenschaftlichen Anspruch nicht zu vereinbaren. Und zweitens lehnen wir die Homöopathie nicht deshalb ab, weil ihre Wirksamkeit die moderne Physik radikal verändern würde. Wir lehnen sie ab, weil sie diese Wirksamkeit nachweislich nicht hat und es deshalb keinen Grund gibt, ihretwegen die Physik in Frage zu stellen.

Das Problem ist nicht, dass die bestehenden Standards nicht funktionieren oder nicht ausreichend naturwissenschaftlich wären. Im Gegenteil. Auch die empirischen Studien der Medizin sind letztlich ein Teil des wissenschaftlichen Fortschritts. Gerade dann, wenn sie den bestehenden Wissensstand in Frage stellen und möglicherweise neue Aspekte aufdecken.

Das Problem ist, dass sie von Pseudomedizinern systematisch unterlaufen werden und zwar mit Hilfe der Politik. Es wäre wohl ein frommer Wunsch, dass das bei einer plausibilitätsbasierten Medizin anders wäre. Im Zweifelsfall würde die eher dazu führen, dass Walachs sogenannte “schwache Quantentheorie” politischb hoffähig gemacht würde, damit die Homöopathie die Plausibilitätshürde schaffen würde. Am Ende hätten wir zur “alternativen” Medizin noch eine alternative Physik.

Das eigentliche Problem an der Homöopathie ist nicht ihr schludriger Umgang mit Evidenz – so ärgerlich das ist – sondern ihre Lobby.

Abgrenzung zwischen Verschwörungsglaube und psychischer Erkrankung

Holm Hümmler führte in die “Grundlagen” der Neuschwabenland-Verschwörungstheorie ein. Ein Thema, das untrennbar hiermit verbunden ist: Reichsflugscheiben. Denn wenn man deren Existenz nicht annimmt, kann man kaum erklären, wie die Nazis alles, was man für Polarexpeditionen und -stationen braucht, in die Antarktis hätten bringen können.

Eine wichtige Schlüssel-Erkenntnis aus dem Vortrag: Die Legenden um Wunderwaffen der Nazis, die heute noch kursieren, speisen sich zum Großteil aus der deutschen Kriegspropaganda. Um die Moral der Soldaten und auch der Bevölkerung in den letzten Kriegsmonaten zu erhalten, hat das Propagandaministerium gezielt Grüchte über bald einsatzbereite Wunderwaffen verbreitet.

Zur Erbauung gab es auch einige Kostproben aus den skurrilen Youtube-Videos unserer Freunde vom Berliner NSL-Stammtisch. Und das wiederum warf eine wie ich finde wichtige Frage auf: Darf man sich eigentlich ungeniert über Verschwörungstheoretiker lustig machen? Diese Frage bestimmte dann zu Recht auch einen großen Teil der Diskussion.

Einerseits sind es zunächst mal die Verschwörungstheoretiker selbst, die sich der Lächerlichkeit preisgeben. Und über vieles kann man auch einfach nur schallend lachen. Zudem ist Satire und Spott ein wichtiges Mittel, um die Absurdität mancher Standpunkte aufzudecken und eine breitere Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen. Zudem geht es um Behauptungen, die extremistisches Gedankengut nähren. Das gilt für Verschwörungstheorien im Allgemeinen. Und für Reichsflugscheiben und Neuschwabenland gilt es im besonderen. Denn diese Verschwörungslegenden sind typischerweise mehr oder minder offen mit den typischen rechtsextremen Auswüchsen bis hin zur Holocaust-Leugnung verknüpft.

Man hat es hier also nicht mit harmlosen Sonderlingen zu tun sondern mit echten geistigen Brandstiftern und ihren willfährigen Mitläufern. Und diese Leute sollte man nicht mit Samthandschuhen anfassen. Die Absurdität ihrer Behauptungen und Argumentationen aufzudecken, ist im Grunde sogar ethisch geboten. Und dazu gehört auch, dass man die Gelegenheit, diese lächerlich zu machen, nutzt, wenn sie geboten wird.

Andererseits muss man sich in einigen Fällen ernsthaft fragen, ob man sich da nicht über psychisch kranke Menschen lustig macht. Dieses Dilemma macht eine angemessene Kritik an braunen Verschwörungstheorien zu einem heiklen Thema.

Wie auch immer, an dieser Frage hat sich eine verfolgens- und weiterführenswerte Diskussion darüber entzündet, wie man bei Verschwörungstheoretikern eigentlich zwischen abseitiger Meinung und psychischer Erkrankung unterscheiden kann.

Ich kriege aus meiner laienhaften Erinnerung nicht mehr wirklich zusammen, was genau gesagt wurde. Es wäre toll, wenn einer der medizinisch kompetenten Blogger etwas dazu schreiben würde. Interessant war in jedem Fall, dass speziell Diskutanten mit psychologischem oder psychiatrischem Hintergrund sich für eine klare und systematische Abgrenzung aussprachen.

Mehrere Sexpartner als devote Phantasie

Nach all dem haarsträubenden Unsinn, der bei einer Skeptiker-Konferenz mit dem Schwerpunkt Pseudomedizin nunmal zusammenkommt, gab es zum Abschluss noch etwas wirklich erbauliches: Jessica Bahr stellte die Ergebnisse ihrer Doktorarbeit vor. Thema: Sex-Mythen. Da medizinische Doktorarbeiten einen überschaubaren Umfang haben, stand dahinter leider keine umfassende neue Studie. Aber die Übersichtsarbeit über ältere Untersuchungen zu diesem Thema liefert doch interessante vorläufige Antworten auf die Frage, was an den üblichen Klischees und Behauptungen um menschliche Sexualität wirklich dran ist.

Und das Gesamtergebnis ist interessanterweise, dass vieles von dem, was so allgemein daherfabuliert wird, auch tatsächlich weitgehend zutrifft. Für einen Skeptiker, zumindest für mich ist das ein überraschendes Ergebnis. Ganz speziell überraschten mich zwei Befunde.

Erstens scheint Pornographiekonsum tatsächlich geschlechtsspezifisch zu sein. Leider gibt die Studienlage nur den Ist-Zustand und sehr wenig über die genauen Hintergründe her. Es wäre interessant, zu erfahren, ob das am kulturellen Kontext, an der Machart des Angebots oder tatsächlich an unterschiedlichen Bedürfnissen liegt.

Zweitens ist Sex mit zwei Partnern zwar eine Phantasie, die Frauen genauso wie Männer haben. Aber es gibt speziell bei Frauen offenbar eine überraschende Korrelation mit der Positionierung im dominant-devot-Schema. Wie es scheint, träumen Frauen dann von mehreren Sexpartnern, wenn sie sich sexuell devot verhalten beziehungsweise sich gleichzeitig auch in eine devote Rolle träumen.

Das überrascht mich.

Nicht, dass ich nicht damit gerechnet hätte, dass diese Phantasie bei devoten Frauen beliebt ist. Aber dass sie es bei dominanten Frauen anscheinend signifikant weniger ist, verblüfft mich dann doch. Das wirft einige Fragen auf:

  • Geht es dabei nur um einen Geschlechtsakt mit mehr als zwei beteiligten oder gibt es die gleiche Korrelation auch hinsichtlich sexueller Treue bzw. wechselnder Partner?
  • Steht dahinter eine typische Vorstellung, wie “benutzt” zu werden, die mit der dominanten Rolle einfach nicht vereinbar wäre? Oder gibt es unterschiedliche “Basisvorstellungen”, von denen manche zu beiden oder – wie Cuckold-Phantasien oder Sexsklaven-Harems – sogar nur zur dominanten passen?
  • Und die wahrscheinlich wichtigste Frage, die auch in der Diskussion aufgeworfen wurde: Inwieweit steht dahinter eine kulturelle Prägung? Und inwieweit werden die Fragen in der Studie aufgrund dieser kulturellen Prägung vielleicht nur unterschiedlich beantwortet, obwohl die echten Bedürfnisse tatsächlich viel ähnlicher sind? Bekennen sich devote Frauen vielleicht einfach nur leichter zu ihrem Wunsch nach mehreren Sexpartnern?

Wie man sehr leicht sieht, gibt es hier reichlich Forschungsbedarf. Sicher wäre das ein lohnenderes Feld für öffentliche Forschungsfelder als Homöopathieforschung.

Weitere Beiträge zur SkepKon 2013

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Skeptics.de ist online!

Einigen ist es schon aufgefallen: Ich habe dieses Wochenende meine persönliche Blogsphere in zwei Teile geteilt. Am vergangenen Wochenende habe ich Skeptics.de Leben eingehaucht.

Der Hintergrund ist, dass die skeptischen Themen ein gewisses Eigenleben entwickelt haben. Das liegt zum einen daran, dass sie mich in letzter Zeit ziemlich stark zum Schreiben motiviert haben. Zum anderen liegt es auch an dem vielen positiven Feedback, den Ermunterungen und der Unterstützung, die ich speziell bei diesen Themen von außen erfahren habe.

Dafür möchte ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken! Danke!!!

Nessiehoaxer.de war und ist vor allem als mein persönliches Online-Tagebuch geplant. Hier schreibe ich über alles, was mich gerade interessiert – von Currywurst bis Neue Weltordnung. Dazu gehören – sogar zu einem großen Teil – auch skeptische Themen. Und das wird auch so bleiben. Aber es wird auch so bleiben, dass sie hier vor allem durch meine persönliche Sicht geprägt und als persönliche Anekdoten gemeint sind. Und es wird hier ein Thema von vielen bleiben.

Da einige Artikel daraus ein breites Interesse gefunden haben, denke ich, dass diese es aber wert sind, parallel zu meinem persönlichen Tagebuch dafür noch einen richtigen skeptischen Blog zu starten. Das ist Skeptics.de.

Auf Skeptics.de werde ich versuchen, vorzuführen, wie man mit einer gesunden Alltagsskepsis auf Basis von wissenschaftlichem Skeptizismus außergewöhnliche Behauptungen aller Art auseinandernehmen und überprüfen kann. Manche der Artikel zu skeptischen Themen, die ich bisher hier abgelegt habe, werde ich in Zukunft dort veröffentlichen. Manche weiterhin hier. Und manche werden auch an beiden Stellen zu finden sein – je nachdem, wie gut es in das Konzept von Skeptics.de passt oder wie stark es einfach eine persönliche Anekdote ist.

Während Nessiehoaxer.de mein ganz persönliches Tagebuch ist, in dem auch nur ich kritzeln darf, ist Skeptics.de prinzipiell als Multiblog gedacht. Ich habe also durchaus vor, in Zukunft vielleicht noch den einen oder anderen Mitblogger zu gewinnen, der Lust hat, sich daran zu beteiligen. Das würde die Themenauswahl etwas breiter und das Angebot etwas kontinuierlicher machen. Denn wer mich kennt, der weiss, dass das alles bei mir gewissen Schwankungen unterworfen ist. Mal schreibe ich ganz viel auf einmal. Und mal sind einfach andere Dinge aktuell – da kommt dann eine ganze Weile nichts. Ich hoffe, die Blog-Popularität hält das aus.

Aber erstmal sehen wir, wie es sich mittelfristig entwickelt. Ich wünsche in jedem Fall viel Spaß auf beiden Seiten!

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Minimale Realitätsverschiebung

Die Chemtrail-Verschwörungstheorie ist eine Verschwörungstheorie, die besonders wenig Konkretes zu bieten hat. Eigentlich verliert sich alles in vagen Andeutungen und suggestiver Sprache. Wie stark sie auf plumper Suggestion basiert, zeigt folgendes kleines Beispiel.

Folgendes Video wurde von “Sauberer Himmel” verlinkt. Hintergrund sind die in letzter Zeit in der Chemtrail-Szene kursierenden Geschichten von rätselhaften dunklen Linien am Himmel, denen die angeblich sprühenden Flugzeuge zu folgen scheinen.

Diese Erklärung ist nicht nur überzeugend, sie ist auch tatsächlich korrekt und wahrscheinlich erschöpfend. Der einzige Kunstgriff, mit dem die Chemtrail-Aktivisten sie in ihre Verschwörungstheorie integrieren, ist die suggestive Verwendung des Begriffes “Aerosol”.

Ich weiss nicht, ob die Produzenten des Videos ihn bewusst zu diesem Zweck gewählt haben. Aber “Sauberer Himmel” greift ihn zumindest mit dem entscheidenden Hinweis auf:

Eine wesentliche Voraussetzung für dieses Schattenspiel ist, dass der Himmel intensiv mit Aerosolen angereichert ist, was gegenwärtig aufgrund des ununterbrochen anhaltenden Chemtrailing leider der Fall ist.

“Entscheidend” in dem Sinne, dass genau hier der Unfug anfängt. Alles an dieser Geschichte ist vollkommen richtig, bis auf die Behauptung, dass eine “Anreicherung mit Aerosolen” nur durch künstliches Versprühen im Sinne der Chemtrail-VT zu erklären ist.

Denn was ist ein Aerosol? Ein Aerosol ist eine Menge eines flüssigen oder festen Stoffes, der kolloidal mit einem Gas vermischt ist. “Kolloidal” bedeutet dabei, dass die Partikel der Flüssigkeit bzw. des Feststoffes gerade so groß sind, dass

  1. einerseits das Licht sich daran bricht aber
  2. andererseits ihr Gewicht so gering ist, dass es gegenüber den Kollisionen mit den Gasmolekülen, die von allen Seiten kommen und den Partikel dadurch mehr oder minder in seiner Position halten, kaum eine messbare Wirkung hat.

Ein Aerosol besteht also aus zahllosen winzigen Partikeln, die so leicht sind, dass sie in der Luft schweben, aber dennoch Licht brechen. Deshalb sind sie als Nebel sichtbar.

Beispiele für Aerosole gibt es auch abseits von (künstlicher) Chemie zahlreiche.

  • Der Rauch am Lagerfeuer ist ein Aerosol.
  • Der feuchte Dunstschleier vor Wasserfällen ist ein Aerosol.
  • Der Schlamm in schmuddelig braunem Wasser ist zwar kein Aerosol, weil er in einer Flüssigkeit und nicht in einem Gas gelöst ist. Aber auch er ist kolloidal in diesem Wasser gelöst.

Und jetzt kommts:

  • Wolken sind ein Aerosol – nämlich Wasserdampf, der gerade zu kondensieren beginnt.
  • Der Nebel, der Morgens beschaulich über Wiesen und Bächen hängt, ist ein Aerosol.

Alles natürliche Aerosole.

Und auch Kondensstreifen sind – ganz ohne gezielt versprühte Chemie – ein Aerosol. Sie bestehen nämlich aus dem Wasser, das bei der Verbrennung im Flugzeugtriebwerk freigesetzt wird.

Und ist es rätselhaft, dass sich Kondensstreifen unter bestimmten Bedingungen lange halten? Naja, Wolken halten sich mitunter sehr lange. Der Nebel kann tagelang im Tal hängen. Wasserdampf in Aerosol-Form kann unter günstigen Bedingungen sehr stabil sein. Warum sollte das nicht auch für Kondensstreifen gelten.

Und was ist jetzt mit den dunklen Streifen? Manchmal sind die Bedingungen so, dass sich Wasserdampf zwar zu Kolloiden zusammenfügt aber nicht zu Wolken auftürmt. Man nennt das Dunst. Und der Himmel war schon immer manchmal dunstig, schon lange bevor es Flugzeuge gab. Man muss nur Berichte alter Seefahrer lesen. Da kommt sowas vor.

Und ja, wenn es dunstig ist, dann ist der Himmel – technisch formuliert – mit einem Aerosol angereichert, nämlich einem Nebel aus Wasser. Aber wenn man das entsprechend suggestiv so formuliert, wird aus etwas vollkommen natürlichen plötzlich ein Indiz für eine Verschwörungstheorie.

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Teil der Verschwörung

Dass Verschwörungstheoretiker Kritiker entweder für blöd oder zu einem Teil der Verschwörung erklären, ist nicht neu. Da überrascht es auch nicht, dass die Bürgerinitiative “Sauberer Himmel” Florian Freistetter und Sebastian Bartoschek als eine Art Lobbyisten einer ominösen Chemtrail-Connection darstellt. (Siehe hier und hier.)

Bei Florian Freistetter lautet die Argumentationskette wie folgt:

  1. Er schreibt kritisch über die Chemtrail-Verschwörungstheorie.
  2. Er hat beiläufig mit einem Institut zu tun, das zur Helmholtz-Gesellschaft gehört.
  3. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V. (DLR) ist ebenfalls in der Helmholtz-Gesellschaft.

Für “Sauberer Himmel” bedeutet das eine “auffällige Nähe zur Luftfahrt-Lobby”.

Mal ganz davon abgesehen, dass nach dieser Logik auch Heerscharen von Onkologen,und Ozeanographen eine “auffällige Nähe zur Luftfahrt-Lobby” hätten: Das ist ungefähr genauso lieblos konstruiert wie ein Roman von Dan Brown. Auch dort verstecken die Verschwörer die Hinweise auf die Verschwörung so geschickt, dass sie zwar über Jahrhunderte unentdeckt bleiben aber dann relativ leicht von durchschnittlich begabten Thriller-Fans gemütlich beim Schmökern im Bus aufgesammelt werden können.

Auch Konspirationisten suchen gerne Ostereier.

Aber was mich an dieser Geschichte eigentlich amüsiert: Meinen ersten waschechten HAARP-Verschwörungstheoretiker habe ich ausgerechnet beim DLR kennengelernt. Damals arbeiteten wir gemeinsam als Wissenschaftliche Mitarbeiter in einem Helmholtz-Projekt. Sogar einem richtigen Luftfahrt-Projekt.

Interessanterweise hat er die – gemäß der anderen HAARP-und-Chemtrail-Experten offensichtliche – Verbindung zu Chemtrails nie gesehen. Und Flugzeuge spielten in seinen – sonst recht blütenreichen Vorstellungen – auch keine bemerkenswerte Rolle. So richtig Spaß machen Verschwörungstheorien offenbar nur mit Dingen, die man nicht so richtig versteht, und Organisationen, zu denen man keinen Zugang hat.

Das war die Geschichte. Aber wo wir gerade dabei sind:

Niemand soll unwissend bleiben müssen. Deshalb beantworte ich natürlich auch gern die Frage, die die Chemtrail-Aktivisten von “Sauberer Himmel” anscheinend vorantreibt:

Es gibt offenbar Menschen, die sich bereits im Studium darauf spezialisieren, Skeptiker zu werden, um dann später Skepsis, die einen universitären Touch erhalten soll, zu verbreiten. Es wäre daher interessant zu erfahren, wer das Studium und die berufliche Tätigkeit dieser Berufs-Skeptiker fördert.

“Berufs-Skeptiker” gibt es nur in den Skeptiker-Verbänden. Wenn jemand bei einem Skeptiker-Verband angestellt ist, wird er von diesem auch bezahlt. Das ist wie bei jedem anderen Arbeitgeber. Und wenn sie studiert haben, dann haben sie das nicht anders finanziert als andere Studenten: durch Jobs, durch BAFöG, durch Geld von zuhause oder in Einzelfällen vielleicht auch durch Stipendien.

Allerdings sind die Möglichkeiten der Skeptiker-Verbände begrenzt. Wir sprechen von Vereinen mit in der Regel wenigen tausend Mitgliedern und recht moderaten Mitgliedsbeiträgen. Angestellte können die sich, wenn überhaupt, nur sehr wenige leisten. Und studentische Förderung geht normalerweise nicht über fachliche Unterstützung hinaus.

Bei Verschwörungstheoretikern verzerrt sich die Wahrnehmung der Realität aber gern mal ein bisschen, weil sie keine wissenschaftliche (Aus-)Bildung haben oder trotz dieser etwas eigenwillige Vorstellungen von Wissenschaft entwickeln. Daher muss man wohl folgendes ergänzen:

  1. Das System, das hinter der allgemeinen Kritik an der Chemtrails-Behauptung steht, existiert nur innerhalb der Verschwörungslegende. Wenn man viel Unfug verbreitet, wird man von vielen Leuten kritisiert. Dazu bedarf es keiner speziellen Organisation.
  2. Wissenschaftler und Skeptiker erscheinen für Außenstehende so ähnlich, weil sich die Skeptiker an die Regeln ordentlicher Wissenschaft halten, nicht weil sie die Wissenschaft unterwandern.

Skeptizismus verschafft sich keinen “universitären Touch”. Skeptizismus ist das konsequente Anwenden wissenschaftlicher Methoden und Kriterien auf eine bestimmte Kategorie von Behauptungen – die sogenannten Ungewöhnlichen Behauptungen. Und deshalb ist der Anteil von Akademikern unter den Skeptikern relativ hoch. Das sind schlicht und einfach die Leute, die mit wissenschaftlicher Methodik vertraut sind.

Wenn man also einhellige Kritik von Wissenschaftlern und Skeptikern erntet, dann deutet das nicht auf eine Verschwörung hin sondern eher darauf, dass einfach man gewaltig auf dem Holzweg ist.

Aber das nur als Gimmick.

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Vorschlag: “Gottesteilchen” als Unwort des Jahres 2012

Diesen Text habe ich soeben an die Jury der Aktion “Unwort des Jahres” verschickt:

Sehr geehrter Herr Professor Wengeler,
sehr geehrte Damen und Herren der Jury der Aktion “Unwort des Jahres”,

hiermit möchte ich den Begriff “Gottesteilchen” als Kandidat für das Unwort des Jahres 2012 vorschlagen.

Begründung:

Der wissenschaftliche Nachweis des Higgs-Bosons dürfte einer der bedeutendsten wissenschaftlichen Fortschritte der letzten Jahrzehnte sein – wenn nicht einer der bedeutendsten unseres noch jungen Jahrhunderts. Denn damit wäre nach jahrzehntelanger Arbeit das gängige Modell der Teilchenphysik vollständig empirisch bestätigt. Wie kaum eine Entdeckung steht das Higgs-Boson damit stellvertretend für die Fähigkeit des Menschen, mit Hilfe systematischer wissenschaftlicher Arbeit das Universum und seine Gesetzmässigkeiten nach und nach immer besser zu verstehen.

Leider verliert die Allgemeinheit immer mehr den Blick für die Bedeutung und den Wert dieser Fähigkeit. Gründe dafür gibt es viele. Als Beispiele seien genannt, dass wissenschaftliche Erkenntnisse immer abstrakter werden und es dem Normalbürger deshalb immer schwerer fällt, sie nachzuvollziehen, und dass irrationale Glaubenssysteme sich mit Hilfe moderner Medien immer besser als bequeme Alternative zu analytischem Denken verkaufen können.

Eine besondere Rolle in der Verbreitung von Irrationalität, latenter Wissenschaftsfeindlichkeit und der letztendlichen Ablehnung wissenschaftlicher Erkenntnisse spielt der allgemeine Sprachgebrauch. Medien gehen schludrig mit Begriffen und Zusammenhängen um. Politiker kokettieren vor laufender Kamera damit dass “Naturwissenschaften ihnen ja schon an der Schule zu schwierig waren”. Und naturgemäß folgt die breite Masse diesem Beispiel. Insbesondere wenn es um den Sprachgebrauch geht.

Der sprachliche Fehlgriff “Gottesteilchen” verdeutlicht in ganz besonderer Weise, wie mit einem schlechten Gebrauch von Sprache auch eine Bedeutungsveränderung einhergeht. Seine Verwendung in der öffentlichen Diskussion veranschaulicht, wie falsche Wortwahl zur Verbreitung von Fehlinformation führt. Und viele Reaktionen zeigen, dass dies wiederum zur Ablehnung eigentlich positiver Werte – in diesem Fall Vernunft und Erkenntnis – führen kann.

Selbstverständlich hat das Higgs-Boson genauso wenig oder genauso viel mit Gott, Religion oder Metaphysik zu tun wie jedes x-beliebige andere Elementarteilchen. Seine theoretische Ableitung und sein empirischer Nachweis machen genauso viele oder genauso wenige Aussagen über religiöse Fragestellungen wie jede x-beliebige andere Entdeckung im Bereich der Physik. Der Begriff “Gottesteilchen” entstammt lediglich der Verstümmelung eines Buchtitels. Der Autor wollte sein Buch zu diesem Thema “The Goddamned Particle” (“Das gottverdammte Teilchen”) nennen. Der Verleger machte daraus eigenmächtig “The God Particle” (“Das Gott-Teilchen”). Dies ist der gesammte Bezug des Higgs-Bosons zu Gott.

http://de.wikipedia.org/wiki/Higgs-Boson#Geschichte

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/eine-elementare-entdeckung-teilchen-und-nicht-gottesteilchen-11810119.html

Da jedoch jeder Bezug von Naturwissenschaften zu Religion – auch ein vermeintlicher – eine verständlicherweise große Attraktivität besitzt, konnte sich dieser Begriff in der Laien-Sprache etablieren. (Fachleute benutzen ihn üblicherweise nicht.) Insbesondere die Triviallliteratur, beispielsweise Dan Browns “Illuminati” hat hierzu beigetragen. Jetzt, wo der empirische Nachweis in der allgemeinen Wahrnehmung zur Diskussion steht, spricht nahezu die gesamte deutsche Presse vom Higgs-Boson unisono als “Gottesteilchen”.

http://www.spiegel.de/suche/index.html?suchbegriff=gottesteilchen

http://www.tagesschau.de/suche2.html?searchText=gottesteilchen&x=0&y=0

http://www.heute.de/ZDF/zdfportal/form/ZDF.de/4/10/3c7f64/Globale-Suche.html?text=gottesteilchen&Suchen=&action=search

Dies trägt dazu bei, dass sich der Begriff “Gottesteilchen” in der Alltagssprache als Synonym für das Higgs-Boson etabliert, dass viele Menschen es sogar nur unter diesem Begriff kennen. Dies führt wiederum dazu, dass viele Menschen an eine in Wirklichkeit nicht existente Verbindung zwischen Fragen der Teilchenphysik und der Religion glauben. Die Konsequenzen sind durchaus bedeutend:

  • Die Allgemeinheit entfernt sich weiter von einem Verständnis aktueller naturwissenschaftlicher Fragen. Dies ist eine direkte Bedrohung eines meiner Meinung nach sehr wichtigen gesellschaftlichen Wertes: der Allgemeinbildung.
  • Der Ablehnung naturwissenschaftlicher Forschung wird Vorschub geleistet. Viele Menschen nehmen die Tatsache, dass Teilchenphysik keine Erkenntnisse über religiöse Fragen liefern kann, als deren Versagen wahr, weil falsche Erwartungen geweckt wurden.
  • Irrationalität gewinnt an Bedeutung im alltäglichen Denken, weil der Anspruch der Naturwissenschaften, objektiv richtige Aussagen zu treffen, in der öffentlichen Diskussion hinter nebulösen, vermeintlich religiösen Metaphern verschwindet.
  • Ein falsches Verständnis wissenschaftlicher Methodik in Politik, Presse und Öffentlichkeit kann eine ernsthafte Bedrohung für die Finanzierung wichtiger Forschungsprojekte und damit generell für wissenschaftlichen und technischen Fortschritt werden.
  • Die Ausbreitung von Irrationalität und Aberglaube zusammen mit verzerrter, missbräuchlicher Nutzung wissenschaftlicher Aussagen oder gar die offene Anfeindung wissenschaftlicher Erkenntnis führt zu vielfältigen gesellschaftlichen Problemen – in Extremfällen bis hin zu politischem oder religiösem Fanatismus.

Ich bin der Meinung, dass die hartnäckige Verwendung des Begriffs “Gottesteilchen” für das Higgs-Boson in besonderer Weise verdeutlicht, wie schlechter Sprachgebrauch in der breiten Öffentlichkeit falsche, ja absurde Vorstellungen von einem Sachverhalt erzeugen und zu einem deutlich verzerrten Weltbild beitragen kann. Und dieser spezielle Sachverhalt hat zudem eine außerordentliche wissenschaftliche Bedeutung.

Leichtfertiger Umgang mit Sprache führt in diesem Fall möglicherweise dazu, dass diese besondere wissenschaftliche Bedeutung durch eine vermeintliche religiöse Bedeutung verdrängt wird. Dies wäre ein großer Schaden für die Wissenschaft. Und zwar nicht nur, weil sie eines ihrer wichtigsten Beiträge zum Fortschritt der Menschheit teilweise beraubt würde. Es brächte sie auch in eine Situation, in der sie aus religiöser Sicht sich entweder anmaßte, Aussagen über Religion zu treffen, oder sich als vermeintlich unfähig erwiese, Aussagen über Religion zu treffen.

Und gleichzeitig spielt es denjenigen in die Hände, die den unsauberen sprachlichen Umgang mit Wissenschaft in der Allgemeinheit ausnutzen, um irrationale Überzeugungssysteme zu verbreiten.

Aus diesen Gründen bereitet es mir – wie vielen Menschen, die sich für objektiven und rationalen Umgang mit wissenschaftlichen Fragen einsetzen – großes Unbehagen, wenn der Begriff “Gottesteilchen” leichtfertig in der Presse oder in der Allgemeinheit verwendet wird. Ich denke, es ist gerechtfertigt, diesen Begriff als Unwort zu bezeichnen.

Und meiner Meinung nach stellt neben den gesellschaftlichen Werten wie Vernunft und Menschlichkeit, die Sie bei Ihrer Auswahl berücksichtigen, auch eine unabhängige, in der Gesellschaft verankerte Wissenschaft ein hohes Gut dar. Beispiele, wie Wissenschaft über schlechte Sprache verzerrt und letztlich missbraucht wird und dadurch zu unrecht ihren gesellschaftlichen Rückhalt verliert, gibt es viele Aber ein Beispiel, das diese missbräuchliche Verzerrung so deutlich zeigt und dabei eine so herausragende wissenschaftliche Bedeutung hat, ist einzigartig. Deshalb halte ich eine Nominierung für das Unwort des Jahres 2012 für angemessen.

Ich bedanke mich herzlich für Ihr Interesse und stehe Ihnen natürlich jederzeit gern für Fragen zu meiner Begründung zur Verfügung. Um sich ein eigenes Bild von der Meinung der wissenschaftlichen Community zu dem Begriff “Gottesteilchen” zu verschaffen, empfehle ich das Scienceblogs-Portal, z. B.:

http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2012/07/liebe-medien-das-higgs-boson-ist-kein-gottesteilchen.php

Es grüßt Sie sehr herzlich

Philipp Nolden

P. S.: Ich habe mir erlaubt, diesen Text gleichzeitig auf meinem privaten Blog unter www.nessiehoaxer.de/?p=634 zu veröffentlichen. Gerne können Sie auch dort Fragen stellen oder Kommentare von anderen einsehen. (Natürlich kann ich nur für mich sprechen, nicht für die Wissenschaft. Und alles, was ich Ihnen geschrieben habe, ist lediglich meine persönliche Meinung.)

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Götterspeise und Götterteilchen

Auch wenn die Presse es ständig behauptet – niemand, der ensthaft etwas von Wissenschaft versteht, würde das Higgs-Boson als “Gottesteilchen” bezeichnen. Ich nehme an, nichtmal Theologen kämen auf so eine Idee. Solche Sprüche sind wohl eher als Zeichen journalistischer Inkompetenz zu betrachten.

Ganz interessant ist aber, wenn man den Wikipedia-Artikel über das Higgs-Boson liest, woher diese Fehlbezeichnung eigentlich kommt. Ein Buch über das Higgs-Boson sollte eigentlich “The Goddamned Particle” (Das gottverdammte Teilchen) heissen. Und der Verleger machte eigenmächtig daraus “The God Particle” (Das Gott-Teilchen). Und diese publizistische Frechheit hat es tatsächlich zur Popularität von Dan Browns “Illuminati” gebracht.

Nun ja, Dan Brown ist nicht gerade für solide Recherche bekannt. Aber dass Spiegel-Online, Tagesschau.de und diverse überregionale Tageszeitungen diesen Mist mitmachen, ist schon peinlich. Und es ist auch nicht ganz unbedenklich. Denn spätestens seit Dan Browns Religions-Schwarte glaubt jeder einigermassen schlecht informierte Laie, das Higgs-Boson gebe der Religion wirklich eine wissenschaftliche Basis. Und das ständige Geschwafel von dem “Teilchen, das auch Gottesteilchen genannt wird” trägt wirksam zu diesem Irrtum bei.

Böse Zungen würden vielleicht sagen, dass jemand, der glaubt, das “Gottesteilchen” habe etwas mit Gott zu tun, wahrscheinlich auch glaubt, dass Götterspeise echte Götter speist. Aber dabei übersieht man leicht, dass sich die Bezeichnung “Götterspeise” immerhin an Ambrosia anlehnt, der Speise, die den Alten Griechen zufolge den Göttern ewiges Leben und ewige Jugend garantierte. Das ist immerhin ein Bezug. Zwar kein wissenschaftlicher sondern nur einer auf der Ebene von Werbetext. Aber trotzdem hat Götterspeise immer noch mehr mit Göttern zu tun als das Gottesteilchen mit Gott.

Ich frage mich, warum eine so bedeutende Entdeckung wie die des Higgs-Bosons immer irgendeinen an den Haaren herbeigezogenen religiösen Bezug haben muss, damit sie auch die Tagespresse fasziniert.

Nachtrag: Lobend muss man die FAZ erwähnen, die sich – wie ich gerade auf der Suche nach passenden Links feststelle – ähnlich äußert und das Thema konsequent auf den wissenschaftlichen Gehalt beschränkt. Wenn doch nur alle Zeitungen so seriös mit wissenschaftlichen Fakten umgehen würden!

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Etwas unterbelichtet

Ich werde immer wieder gefragt, wie man ernsthaft an Lichtnahrung glauben kann. Und bis heute musste ich darauf immer antworten, dass ich mir das beim besten Willen leider auch nicht erklären kann. Aber dann habe ich in der Bahnhofsbuchhandlung in einer Esoterik-Zeitschrift geblättert. Und selbst dies kann dann und wann tatsächlich erhellend sein.

Die Hypothese lautet: Man kann sich ausnahmslos jeden Blödsinn plausibel und glaubwürdig reden, indem man hinreichend ungenau mit naturwissenschaftlichen Fakten umgeht. Lichtnahrung ist graduell gesehen ein außergewöhnlich großer Blödsinn. Und entsprechend groß muss dann die Ungenauigkeit sein. Aber auch das klappt.

Missbrauchte Naturwissenschaft

In besagter Schmonzette wurden – mit der schon erwähnten Ungenauigkeit – die Forschungsergebnisse eines gewissen Professor Popp wiedergegeben. Ich gebe zu, dass dieser Name lustig klingt, aber er ist keine Verballhornung. Fritz-Albert Popp ist eine ambivalente Figur der Naturwissenschaften. Er hat zumindest eine wichtige und verblüffende Entdeckung gemacht. Aber er hat sich leider, wie das öfter passiert, verleiten lassen, in unhaltbare Spekulationen abzudriften, was sein wissenschaftliches Ansehen zunichte gemacht hat – obwohl ihm für seine Entdeckung, wenn sie in ein insgesamt ernstzunehmendes wissenschaftliches Lebenswerk eingebettet wäre, schon einiger Ruhm zugestanden hätte.

Die Entdeckung ist, dass lebende Materie in sehr kleinen Mengen Lichtquanten abstrahlt. Man spricht von ultraschwacher Photonenemission oder auch von ultraschwacher Zellstrahlung. Und die hat nichts mit dem Licht zu tun, das Glühwürmchen oder Anglerfische erzeugen. Es ist eine extrem schwache elektromagnetische Strahlung, deren Wellenlänge sich ungefähr mit dem sichtbaren Bereich deckt, die aber viel zu schwach ist, um selbst bei absoluter Dunkelheit gesehen zu werden. Und sie wird von jeder normalen Zelle vollkommen ohne Leuchtstoffe irgendeiner Art abgestrahlt.

Die Gründe sich nicht geklärt, und das Phänomen ist faszinierend. Aber man kann das alles auch woanders nachlesen. Was ich an dieser Stelle speziell interessant finde, ist, wie man an diesem Beispiel nachvollziehen kann, wie aus echten wissenschaftlichen Fakten durch ein ausreichendes Maß an Ungenauigkeit, mangelnder Sorgfalt und auch einem ausreichend großem Maß an Ignoranz gegenüber der Unterscheidung von richtiger und falscher Darstellung eine Begründung für einen wirklich haarsträubenden Unfug wird.

Die belegbaren Fakten

Zellen senden gelegentlich Lichtquanten aus. Gemessen wurden bisher Strahlungsintensitäten zwischen einem und 1000 Photonen pro Quadratzentimeter und Sekunde. Das bedeutet, dass eine einzelne Zelle im Durchschnitt etwa ein Photon pro Monat abstrahlt. Dieses Phänomen scheint unabhängig davon zu sein, ob die Zelle von Tieren oder Pflanzen stammt. Die Ursachen sind ungeklärt. Hypothesen, dass die Quanten aus dem Zellkern bzw. der DNA stammen, konnten bisher nicht bestätigt werden.

Die Darstellung durch Verfechter von Lichtnahrung

Die Biophysik hat festgestellt, dass lebende Zellen Licht ausstrahlen.

Man beachte den suggestiven Charakter. Die Aussage ist zwar prinzipiell richtig, aber wahrscheinlich würde niemand bei einem Photon pro Monat von “Licht ausstrahlen” sprechen. Gerade esoterikbegeisterte Menschen, die bekanntlich mit Vorliebe Verben wie “strahlen” oder “leuchten” benutzen, dürften sich bei dieser Formulierung etwas ganz anderes vorstellen als tatsächlich in der Realität passiert.

Die esoterische Schlussfolgerung

Wir sind Lichtwesen.

Ernsthaft, es gibt Internet-Seiten, auf denen aus dem “Sachverhalt” aus dem vorigen Abschnitt DAS geschlossen wird. Und auch der Artikel, der mich zu dieser kleinen Recherche inspiriert hat, hat so argumentiert. Zwar etwas eloquenter aber letztlich genau so.

Fairerweise müsste man dazu sagen, dass die ultraschwache Photonenemission erstmalig bei Zwiebeln nachgewiesen wurde. Nach dieser Logik wären also vor allen Dingen Zwiebeln Lichtwesen. Aber waschechte Esoteriker würden dann wahrscheinlich sagen, dass letztlich alles Leben strahlt und deshalb prinzipiell alle Wesen Lichtwesen seien. Esoteriker haben sich noch nie gescheut, sich selbst oder ihre Klienten zu etwas ganz besonderem zu erklären und gleich im nächsten Satz zu erläutern, dass ausnahmslos jedes Lebewesen im Universum auf genau die gleiche Art und Weise besonders sei. Also lassen wir das mit den Zwiebeln.

Und das schamlose Umkrempeln der Kausalität…

Eigentlich ist das schon absurd genug. Aber um zur Lichtnahrung zu kommen, braucht es nur noch eines einzigen Schachzuges. Und der ist nichtmal besonders schwierig. Man muss nur einfach mal eben die (falsch verstandene) Ursache mit der (nicht vorhandenen) Wirkung vertauschen.

Wenn man mit Logik an die Sache herangeht, muss man sich wahrscheinlich mental von innen nach außen stülpen, um diesen Gedankenschritt nachzuvollziehen. Aber in Esoterik-Kreisen scheint es Konsens zu sein, dass Licht abstrahlen bei Bedarf gleichbedeutend mit Licht empfangen ist. Und auch Esoteriker wissen, dass Licht irgendwas mit Energie zu tun hat. Und damit ist – zumindest für manche Menschen – hinreichend erklärt, weshalb man sich von Licht ernähren können soll.

Profane Menschen würden jetzt einwenden, dass aus dieser Logik genauso folgt, dass man eine Taschenlampe wieder aufladen kann, indem man sie anleuchtet. Aber Taschenlampen sind anscheinend keine Lichtwesen. Obwohl sie auch Licht abstrahlen.

…gut abgeschmeckt mit ein bisschen Geschwurbel

Da Esoterik vom Phrasendreschen lebt, wird diese Schlussfolgerungskette freilich selten so klar und geradlinig wiedergegeben. Gerade der letzte Gedankenschritt ist so offensichtlich blödsinnig, dass man ihn schon mit ein paar der üblichen Worthülsen aufhübschen muss. Eine klassische Gedankenkette, die für die notwendige Scheinglaubwürdigkeit sorgt, könnte in etwas so aussehen:

  1. Wir sind Lichtwesen, weil unser Licht leuchtet – und zwar bis auf die Ebene unserer Zellen!
  2. Mit Biophotonen (so nenne ich die jetzt einfach mal, weil die ja aus Lebewesen kommen) kann man ganz tolle Sachen machen. Zum Beispiel kann man damit gute Bionahrungsmittel von böser Lebensmittelchemie unterscheiden. Das hab ich zumindest irgendwo gehört. Damit ist ja wohl bewiesen, dass Biophotonen etwas ungeheuer gutes sind.
  3. Unser Zell-Licht bildet dann auch unsere Licht-Aura. Ist ja klar.
  4. Und da unsere Licht-Aura auch als Lichtkörper bezeichnet wird, habe ich ja wohl endlich eine handfeste physiologische Bedeutung suggeriert.
  5. Aber um sicher zu gehen, weise ich trotzdem nochmal darauf hin, dass die Aura ein feinstoffliches Energiefeld ist.
  6. Und weil das bei feinstofflichen Energiefeldern eben so ist, muss ich nur meine geistigen Fähigkeiten üben, um damit die Biophotonen als Nahrung aufnehmen zu können. (Richtig, jetzt kommen die plötzlich von außen. Aber so genau guckt ja sowieso keiner hin.)

Ich verstehe, dass es beim Beispiel Lichtnahrung wirklich schwer ist, es zu glauben. Aber es ist tatsächlich so. Wenn man von der Gier nach dem nächsten Mysterium angetrieben ist und bei jedem einzelnen Gedankenschritt nur das raushört, was man hören will, nämlich einen Hinweis auf ein Wunder, und das glaubt, was sich richtig anfühlt anstatt zu hinterfragen, ob es richtig ist (das ist natürlich der eigentlich wesentliche Punkt), dann glaubt man am Ende tatsächlich an Lichtnahrung.

Und da ich mir beim Essen keinen Sonnenbrand holen will, mache ich mir jetzt eine anständige Currywurst.

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Wie man Fernsehgebühren zum Fenster rauswirft

Ein hübsches Lehrbuch-Beispiel dafür, wie man astrologischen Vorhersagen eine Scheingenauigkeit verleiht, liefert Elisabeth Teissier auf ihrer Homepage:

RICHTIGE PROGNOSE FÜR DEUTSCHE MANNSCHAFT!

In einer Samstagabend-Show namens “Sommerfest” mit Florian Silbereisen habe sie einen “Sieg” der deutschen Nationalelf “prophezeit”.

Man nehme eine Vorhersage mit hoher Trefferwahrscheinlichkeit, in diesem Fall einen Sieg der deutschen Nationalmannschaft im Eröffnungsspiel gegen Portugal. Man nenne diese hochtrabend eine “Prognose”, damit es nach einer komplexen und anspruchsvollen Vorhersage klingt – und so als sei es etwas außergewöhnliches, wenn sie zutrifft. Und wenn tatsächlich das Naheliegende eintritt, interpretiere man das als Bestätigung der Astrologie.

Und als ob sich nicht jetzt schon die Balken biegen würden, fabuliert sie fröhlich weiter, sie habe darauf hingewiesen, dass es nach etwa dreißig Minuten

“sehr heiss für Deutschland werden könnte”.

Und natürlich ist jede beliebige dramatische Szene recht, um diese “Vorhersage” zu bestätigen. Nun stellt sich die Frage, ob Elisabeth Tessier wirklich glaubt, dass es etwas aussergewöhnliches ist, wenn in den letzten zwei Dritteln eines Länderspieles etwas spannendes passiert.

Aber das ist ihre Sache. Das eigentliche Ärgernis ist, dass Fernsehgebühren rausgeworfen werden, um so einen Mist unters Volk zu streuen. Das ist unerträglich.

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Astrologische Hütchenspiele

Um einen ernstzunehmenden Berufsstand überflüssig zu machen, braucht es entweder gut ausgebildetes Personal aus Niedriglohnländern oder einen elementaren technischen Fortschritt. Bei Astrologen und anderen Kaffeesatzlesern reicht dagegen bereits eine gut sortierte Zoohandlung. So hatte schon Krake Paul eine Trefferquote von der die professionellen gewerblichen Zukunftsdeuter nur träumen konnten. Und wie es scheint, traut sich die “Berater”-Branche zur diesjährigen Fussball-EM plötzlich nicht mehr zu, was für Fifi, Waldi und Hasso mittlerweile zur Routine geworden ist: konkrete, überprüfbare Vorhersagen.

Eigentlich ist damit schon alles zum Thema Astrologie gesagt. Aber es ist Samstag. Und da kann man sich ruhig mal die Zeit nehmen, sich die öffentlichen Stellungnahmen etwas genauer anzusehen. Denn die rhetorischen Ausweichmanöver der Esoterikbranche sind immer wieder bemerkenswert. Und natürlich gibt die Zunft auch dieses mal wieder nicht zu, was eigentlich offensichtlich zutage liegt: ihr vollkommenes Unvermögen, irgendeine irgendwie nützliche Aussage zu treffen, das derart offensichtlich ist, dass es viel lustiger ist, absurde Kleintiere darauf zu dressieren, ihre Arbeit zu machen, als ihrem pseudokompetenten Geschwafel zuzuhören. Stattdessen bezieht jeder seine ganz individuelle Ausweichstellung. Und wie das funktioniert, ist dann doch schon wieder beiläufig interessant.

Winfried Noé – da Michael Kunkel darüber berichtet, muss ich ihn hier nicht nochmal verlinken – versucht sich in der altbekannten Strategie der medialen Vulgärprognostiker: spektakuläre Prognosen, die für den Moment große Aufmerksamkeit erzeugen aber dann, wenn sie nicht eingetreten sind bereits in Vergessenheit geraten sind, weil sie von anderen Nachrichten längst verdrängt wurden. Wie er die Dynamik der Fussball-EM ausnutzt, kann man nur als geschickt bezeichnen. Kurz vor Beginn, währen die Medienwelt bereits von der Vorfreude auf das große Ereignis geprägt ist, es aber noch an wirklich bemerkenswerten Nachrichten mangelt, mischt er sich mit nebulösem Fabulieren über eine dunkle Bedrohung, die möglicherweise (man beachte den Konjunktiv) das freudige Ereignis überschatten könnte. Und natürlich kann er voll und ganz darauf vertrauen, dass dann, wenn die spannenden Spiele laufen, niemand mehr einen Gedanken daran verschwenden wird. Und danach wird sein Geunke sowieso längst vergessen sein.

Es sei denn, es tritt tatsächlich irgendeine ernstzunehmende Tragödie ein. dann hätte er geradezu kassandrisch davor gewarnt. Gute Arbeit, Herr Noé. Ich meine jetzt nicht im Sinne einer großen Vision oder gar einer brauchbaren Prognose. Aber im Sinne eines handwerklich solide gemachten lauwarmen Samstagabend-Unterhaltungsprogrammes allemal. Wenn ich ARD-Intendant wäre, kämen Sie direkt zwischen Achim Menzel und Carolin Reiber. (Vorausgesetzt, die beiden leben noch. Ich bin in Ihrem Zweig der Unterhaltungsbranche nicht auf dem Laufenden.)

Jasmin Rachlitz wird derweil Opfer des Decline-Arguments. Mit vielen Worten sagt sie das, was man gerade noch nicht mehr durch Evidenz wiederlegen kann. Mit anderen Worten: Nichts. Auch das ist eine altbekannte rhetorische Strategie in Schwurbler-Kreisen. Aber gerade deshalb ist es verwunderlich, dass sie immer wieder als letzte Rettung genutzt wird. Denn eigentlich sollte sich auch unter den Schwurblern mittlerweile herumgesprochen haben, dass es bei dieser Methode zwangsläufig ist, dass der eigene Standpunkt kraft zunehmender Evidenz nach und nach zu dem wird, was man sagt: Nichts.

Auch die zweite Nicht-Prognose, die Kunkel aus der Astro-Woche zitiert, ist ein alter Bekannter. Nennen wir ihn das astrologische Hütchenspiel. Prinzipiell funktioniert es ähnlich wie das Geschwurbel von Rachlitz: Man versucht eine Aussage zu machen, mit der man möglichst nicht falsch liegen kann, die aber trotzdem möglichst intelligent klingt. Der methodische Unterschied ist, dass hier die Grundaussage prinzipiell falsifizierbar ist und man eher durch statistische und rhetorische Kosmetik dafür sorgt, dass man möglichst einen Treffer landet aber auch nicht blöd aussieht, wenn man danebenhaut.

Das zugehörige Backrezept würde ungefähr folgendermassen lauten:

  1. Man nehme eine prinzipiell falsifizierbare Aussage. Diese wähle man so aus, dass die Chance, dass sie zutrifft möglichst groß ist, idealerweise oberhalb von 50%. Dann hat man eine große Chance, recht zu behalten, und kann anschließend für sich in Anspruch nehmen, bei einer falsifizierbaren Aussage richtig gelegen zu haben.
  2. Man formuliere diese Aussage so, dass es klingt, als wäre es etwas ganz besonderes, wenn diese Aussage zutreffen würde – auch wenn die Wahrscheinlichkeit in Wahrheit über 50% liegt. Bloss keine Hemmungen, die Realität mit Suggestivformulierungen zurecht zu biegen.
  3. Man formuliere dies alles im Kunjunktiv oder verweise alternativ darauf, dass es nur eine Wahrscheinlichkeitsaussage ist. Dann hat man selbst in dem unwahrscheinlichen Fall, dass die Grundaussage nicht zutrifft, nichts prinzipiell falsches gesagt.

In der Astro-Woche klingt das Ergebnis dieser Bemühungen so:

Der Sieger des zweiten Halbfinales wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch das Turnier gewinnen.

Eine wahrhaft prophetische Leistung!

Dann war da noch Christiane Durer mit einer ebenfalls bekannten und beliebten Taktik: der Leeraussage. Man sagt einfach etwas, was wahnsinnig konkret klingt, aber in Wirklichkeit genau garnichts aussagt. Zumindest nichts besonderes. Altbekannt sind die Fernseh-Wahrsager, die mit viel Brimborium Rauch am Horizont aufsteigen und Mütter weinen sehen – und ein paar Monate später irgendeinen x-beliebigen Unfall oder Krieg nehmen, den sie damit vorhergesehen haben wollen. Getreu diesem Motto will Durer vorhersehen, dass es während der EM zu einem großen Streit kommt. Das ist doch mal echt konkret.

Und dann natürlich noch jede Menge Hätte-Wäre-Wenn von jedem, der sich irgendwie berufen fühlt – hauptsache nichts konkretes auf das man festgenagelt werden könnte.

Aber einer hat sich dann doch noch ein bisschen mehr Mühe mit seiner Ausrede gegeben: Markus Termin hat zwar keine mediale Bedeutung. Aber immerhin findet man ihn manchmal im Kommentarteil bei Scienceblogs-Artikeln. Und er beherzigt das Motto willst Du gelten, mach Dich selten.

Wenn wir Stundenhoroskope nehmen, brauchen wir einmal jemanden, der/die fragt: “Wird mein Favorit gewinnen?” – und natürlich müssen wir den Favoriten kennen.

Nur, wenn solche Fragen eingehen, mache ich EM-Vorhersagen für die betreffenden Spiele.

Ein Stundenhoroskop ist gewissermassen das astrologische Pendant zu einem Stundenhotel. In der Stundenastrologie geht es darum, anhand des Geburtshoroskops einer Person und des sogenannten Augenblickshoroskops eines bestimmten Zeitpunktes festzustellen, ob dieser Zeitpunkt für diese Person günstig ist, um irgendetwas bestimmtes zu tun. Ein Bundestrainer mit Horoskopfimmel hätte am Samstag zum Beispiel seine Mannschaftsaufstellung danach ausgewählt, für welchen Spieler 20:45 besonders günstig für ein internationales Fußballspiel ist.

Jeder, der die Astrologie ernst nimmt, hätte sich trefflich darüber auslassen können, welcher Spieler am Samstag mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Tor schießen wird. Alternativ hätte man auch über Mannschaftshoroskope oder ähnlich aberwitzige Konstruktionen ein Spielergebnis vorhersagen können.

Letzteres macht Termin dann auch auf einige Anfragen von Lesern hin. Warum er dazu aber erst jemanden braucht, der ihm irgendeine Favoritenmannschaft vorsagt, bleibt allerdings im Dunkeln. Ich dachte immer, beim Fussball wäre jede Mannschaft der Favorit von irgendwem. Ich schätze, die Anzahl derer, für die Deutschland der Favorit ist, ist achtstellig.

Aber egal. Immerhin hat er zumindest einigermassen einen Treffer gelandet.

Ja, Deutschland wird siegen, allerdings nicht leicht und nicht überwältigend.

Nun ja, es passt. Allerdings gab es sicherlich auch eine achtstellige Anzahl ähnlichklingender Vorhersagen. Ein Ergebnis, wie Termin es beschreibt, war schlicht und einfach zu erwarten. Und er beschreibt es so vage und diffus, dass auch bei ihm die Trefferwahrscheinlichkeit weit über 50% liegt. Und nur durch Geschwurbel darüber, welche Planetenstellungen man alles angeblich berücksichtigen müsse, um auf ein solches Ergebnis zu kommen, verleiht er diesem eine Scheingenauigkeit und gibt einem das Gefühl, er habe eine präzise Analyse angestellt und mitten ins Schwarze getroffen.

Letzten Endes spielt er also auch nur das astrologische Hütchenspiel. Nur mit etwas mehr Brimborium. Und etwas geschickter.

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Kein Material ist so dehnbar wie die Wahrheit

Keine Sorge, es geht nicht schon wieder um Jurisprudenz.

Dass der Bild wirklich garnichts zu blöd ist, um es nicht doch im Mystery-Bereich ihres Internet-Auftrittes zu bringen, dürfte bekannt sein. Und natürlich hat auch die schwebende russische Vorschülerin es dorthin geschafft. Nun wird der erfahrene Hoaxer sagen “ja ja, als wir in dem Alter waren, haben wir sowas auch gedreht, um unsere Kindergartentante zu erschrecken”. Aber dann kommt doch noch die Stelle, wo der Kommentator es schafft, selbst hartgesottenen Skeptikern den Fußschweiß ins Gesicht zu treiben.

“Wissenschaftler sprechen von Levitation. Dieses Phänomen gehört zu den rätselvollsten und umstrittensten Erscheinungen im Bereich der Parapsychologie. Dabei schwebt ein Körper völlig schwerelos.”

Erst wenn der Schmerz langsam wieder abgeklungen ist, wird einem klar, was genau an dieser Textpassage so weh tut: So absurd sie ist, sie ist nichtmal wirklich falsch. Denn in der Parapsychologie gilt die Levitation allen Ernstes immer noch als Phänomen, als rätselhaftes noch dazu. Dass die Parapsychologie als solche von praktisch niemandem mehr ernstgenommen wird, geschweigedenn als Wissenschaft angesehen, muss man ja nicht unbedingt dazu sagen. Wie ich finde, ein hübsches Beispiel dafür, wie man blühenden Blödsinn unters Volk streuen kann, ohne gegen die ja zumindest pro forma immer noch existierende journalistische Wahrheitspflicht zu verstoßen.

Und dass praktisch niemand mehr die Parapsychologie ernst nimmt, heisst auch nicht, dass es wirklich niemand tut. So kommt dann auch Walter von Lucadou zu Wort:

„Es kann sein, dass das Kind über die Fähigkeit zur Levitation, dem Schweben ohne Hilfsmittel, verfügt“

Ja, wenn man alle Naturgesetze vollkommen ausser acht lässt, kann das sein. Aber selbst Lucadou muss schließlich einräumen, dass in diesem Fall auch eine weniger spektakuläre Erklärung möglich ist:

„So etwas auf einem Video zu faken, ist überhaupt kein Problem. Mit der richtigen Software bekommt das jeder hin.“

Vielleicht hätte die Bild ihn auch fragen sollen, welche der beiden möglichen Erklärungen seiner professionellen Meinung als Physiker nach die wahrscheinlichere ist.

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