Menschenfleischmetzger in Nigeria

Ein Gast in einem Hotelrestaurant in der nigerianischen Provinz wundert sich über den hohen Preis. Daraufhin wird ihm erklärt, es handele sich um eine ganz besondere Delikatesse: Menschenfleisch.

Bei einer Razzia stellt die örtliche Polizei später mehrere automatische Sturmgewehre des Typs AK-47 sowie reichlich Munition sicher. Und sie macht noch einen bedeutend grausigeren Fund: In der Küche lagern zwei säuberlich in Cellophan eingewickelte menschliche Köpfe. Weitere Fleischstücke, teilweise bereits für den Verzehr vorbereitet, sind vermutlich ebenfalls menschlicher Herkunft.

Nachbarn sagen später aus, Ihnen seien dort öfter Gäste verdächtig vorgekommen. Ein Pfarrer, der gelegentlich in diesem Restaurant zu Gast war, beteuert dagegen, nicht das geringste geahnt zu haben – obwohl nach Polizeiangaben “gebratener Menschenkopf” ausdrücklich auf der Speisekarte zu finden gewesen sein soll.

Man soll es nicht glauben.

Ehrlich, man sollte es nicht einfach so glauben. Diese Geschichte – frei nacherzählt von mir – habe ich beim Honigmann gefunden. Nicht, dass es etwas neues ist, dass da allerlei Räuberpistolen stehen. Aber von modernem Kannibalismus in Schwarzafrika hört man ja immer wieder mal. Zumindest in der Trivialliteratur darf das Thema dann und wann als Spannungsbringer herhalten. Da wüsste ich schon gern, ob da irgendwas dran ist.

Wikipedia liefert erstaunlich wenig zum modernen Kannibalismus – vornehmlich Material zu Serientätern und Kannibalismus in Überlebenssituationen. Nicht aber zu den düsteren Vorgängen in den entlegensten Winkeln unseres Planeten, die offensichtlich auch im 21. Jahrhundert immer noch geeignet sind, um unsere Phantasie auf Touren zu bringen.

Also gehen wir doch einfach mal spasseshalber den Quellenverweisen nach.

Der Honigmann beruft sich auf Ria Novosti, ein russisches Nachrichtenportal, welches auch in deutscher Sprache veröffentlicht und in Kreisen rechtsgerichteter deutscher Verschwörungsblogger eine gewisse Reputation zu haben scheint. Der Artikel bei Ria Novosti vom 12. Februar 2014 beruft sich wiederum auf den Daily Mirror.

Auch wenn nicht direkt verlinkt wird, darf man wohl davon ausgehen, dass es sich dabei um die gleichnamige britische Boulevardzeitung handelt. Und tatsächlich findet sich in dessen Online-Archiv eine Meldung vom selben Tag. Leider fehlen jedwede Quellenangaben.

Also muss gegoogelt werden.

Wie es scheint geisterte die Geschichte vom nigerianischen Menschenfleischrestaurant durch alle möglichen deutsch- und englischsprachigen Boulevard-Nachrichtenportale (z B. hier). Und mit ein bisschen Suchen lässt sich auch die gemeinsame Quelle identifizieren.

Der Osun Defender ist eine Boulevardzeitung aus der nigerianischen Bundesstaat Osun. Und diese berichtete bereits am 5. September 2013 über diesen Vorfall.

Nun fühle ich mich nicht in der Lage, die Glaubwürdigkeit von Boulevardblättern im ländlichen Schwarzafrika zu beurteilen. Aber ein paar Dinge fallen an der Geschichte spätestens hier dann doch auf:

  • Alle bisher erwähnten oder bei der Suche gefundenen Meldungen sind von Inhalt und Wortlaut her praktisch identisch.
  • Alle Informationen sind offensichtlich ohne weitere Recherchen aus der Meldung im Osun Defender übernommen.
  • Auch dort sind die Angaben ziemlich vage – “a hotel (name withheld)”, “a vegetable seller in the area”, “A Pastor who was among the people who tipped off the police”.

Andererseits muss man sagen, dass die Geschichte tatsächlich aus dem Winkel Afrikas zu stammen scheint, auf den sie sich auch bezieht. Das ist weit mehr als man über viele andere Dinge, die man auf Verschwörungs-Blogs so findet, sagen kann.

Die Pressemeldungen der nigerianischen Polizei und die Nachrichten auf den Internet-Auftritten der regionalen Verwaltung in Osun geben nichts zum Thema her. Das ist allerdings auch nicht überraschend; dass man sich als offizielle Vertretung der Region nicht gern mit einer solchen Geschichte hervortut, kann ich verstehen.

Also wo hat der Osun Defender seine Informationen her? Klassische journalistische Recherche? Haben die Redakteure gar selbst mit dem Pastor und dem Gemüsehändler gesprochen?

Anscheinend nicht.

Auch der Osun Defender hat die ganze Geschichte offenbar nur abgeschrieben, dankenswerterweise mit Quellenangabe. Naija Zip ist ein nigerianischer Blog mit dem Subtitel:

Latest Gossip News,Fashion And Style, Nigeria Entertainment News, News And Feature, Relationship Tips And Sport.

Aha.

Naija Zip wiederum nennt als Quelle Naijaloaded, ein weiteres nigerianisches News-Portal, dessen Artikel anscheinend die Primärquelle ist. Genauer gesagt bedeutet das, dass sich die Spur mangels weiterer Quellenangaben hier verliert. Ob die Information von hier stammt oder hier auch nur von einer weiteren Quelle übernommen wurde, ist nicht zu erkennen. Und auch hier sind die Angaben nicht spezifischer oder genauer.

Nach eigenen Angaben ist Naijaloaded

the Most Visited Online Platform that Delivers Hot Fresh Nigerian Music, Video, News and Technology Content on a daily Basis to Nigerians Home and Abroad.

Die Portalbetreiber brüsten sich damit, zu den beliebtesten und am schnellsten wachsenden einschlägigen Plattformen Nigerias zu gehören und bereits ein Jahr nach dem Online-Start die Auszeichnung als “The Best Nigerian Online Platform” gewonnen zu haben.

Der geneigte Leser möge nun bitte selbst entscheiden, ob es sich lohnt, weiter nach unabhängigen Belegen zu suchen, oder ob man einfach davon ausgehen sollte, dass sich mit Meldungen dieser Art nicht nur in Deutschland sondern auch in Afrika eben gute Klickraten erreichen lassen – und dass sie für die Boulevardpresse viel zu attraktiv sind, um sich den Fund mit allzu genauen Recherchen selbst kaputt zu machen.

Immerhin war es eine nette Gruselgeschichte für einen Sonntagvormittag.


Nachschlag

Naijaloaded berichtete gestern (8. Februar 2014) auch von der Verhaftung eines Terroristen, welcher sich selbst als

“Boko Haram’s lead specialist in human butchery”

bezeichnet. Keine Ahnung, ob da irgendein Zusammenhang besteht.

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Kollateralschäden

„Falls Skeptiker anwesend sind … fühlt Euch beleidigt.“

Okay, mache ich.

Denn die Sache ist die: Auch wenn ich mir den Sermon praktisch jeden Tag anhören muss, ist er trotzdem immer noch eine Beleidigung. Und ja, wirklich jeden Tag. Zumindest jeden Tag, an dem ich skeptisch aktiv bin, begegnet mir irgend ein Schlaumeier, der meint, seine Mitmenschen darauf aufmerksam machen zu müssen, dass Skeptiker arrogant und besserwisserisch sind. Dass alle Italiener ungehobelte Machos sind und dass Frauen nicht einparken können, hat sich anscheinend inzwischen herumgesprochen. Aber die geradezu sprichwörtliche Borniertheit, Engstirnigkeit und – nennen wir das Kind doch einfach beim Namen – die Dummheit aller Skeptiker muss man offensichtlich immer noch explizit erwähnen.

Von Esoterikern, Verschwörungstheoretikern und religiösen Fanatikern bin ich das gewöhnt. Dort kann ich es sogar ein Stück weit verstehen. Das sind die Gegner, die den unmittelbaren Schaden von unserem Erfolg haben. Von dort gehört es dazu; es ist der Preis des Hobbys, und man nimmt es sportlich. Aber trotzdem ist es ein Vorurteil, und zwar ein beleidigendes. Daran ändert sich auch dann nicht, wenn es mit einem Augenzwinkern serviert wird. Und deshalb schmerzt es, wenn es von jemandem kommt, den ich eigentlich als Freund sehe und den ich wegen seines Könnens schätze.

Skeptiker-Bashing auf der Cthulhu-Con

Letztes Wochenende war Cthulhu-Con. Auch wenn ich vergleichsweise wenig darüber twittere und blogge, ist das ein Garant für gelungene Spielrunden und ergiebige Workshops. Und nebenbei ist es eine Veranstaltung, bei der Esoterik und Verschwörungstheorien mal eine nette Spielerei und eine angenehme Nebensache sind, kein Gegenstand ernsthafter Beschäftigung. Ab und zu ist das ganz erholsam.

Auch der Autoren-Workshop dort war gut. Und der Tip, den Hoaxilla-Podcast als Inspirationsquelle zu nutzen, ist für Horror-Autoren, die mit skeptischen Themen sonst nichts am Hut haben, sicher wertvoll. Eher befremdlich dagegen wirkte (nicht nur auf mich) der lange, sehr emotionale und mit großem Eifer vorgetragene Disclaimer, in dem der Referent sich ausdrücklich von der Skeptiker-Szene distanzierte und darauf hinwies, dass man die typisch überhebliche Art der Skeptiker eben hinnehmen müsse.

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich nicht zu den regelmäßigen Hoaxilla- Hörern gehöre. Aber dass Alexa und Alex überheblich rüberkommen, wäre mir ehrlich gesagt neu. Da hatte wohl eher jemand das Gefühl, sich allgemein dafür entschuldigen zu müssen, dass er etwas aus der Skeptiker-Ecke empfahl. Bei einem bekannten Rollenspiel-Autor, der sonst eigentlich für intelligente Texte und reflektierte Ansichten bekannt ist, ist das überraschend. Über die Gründe kann ich nur spekulieren.

Aber dass das Bild von der Skeptiker- Community bei Rollenspielern so stark von diesem dummen und hässlichen Klischee geprägt zu sein scheint, ist irritierend. Anscheinend ist unser Ruf so schlecht, dass auch ein bekannter Autor es sich leisten kann, vor versammelter Mannschaft tumbe Vorurteile vortragen zu können, ohne dabei seinerseits um seinen Ruf fürchten zu müssen. Mehr noch, anscheinend muss er es sogar, wenn ihm am eigenen Ruf gelegen ist.

Dass das unangenehm ist, im eigenen Freundeskreis derart von Vorurteilen getroffen zu werden, ist eine Sache. Aber es ist auch ein Anlass, einmal über unser Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit nachzudenken.

Die Beliebtheit der Skeptiker

Die Diskussion um die Beliebtheit der Skeptiker ist nicht neu. Kaum ein GWUP- Stammtisch vergeht, ohne dass diskutiert wird, wie wir sympathischer rüberkommen können. Das hat auch seine Berechtigung. Wir werben für kritisches Denken und sind deshalb darauf angewiesen, dass eine möglichst breite Öffentlichkeit unsere Beiträge wohlwollend aufnimmt. Wenn alles, was wir Äußern, nur mit dem Vorbehalt, dass wir ja sowieso verbohrt und unaufgeschlossen sind, aufgenommen wird, ist das ein Problem.

Nur sollte man ein paar Dinge dabei nicht übersehen:

  1. Unser letztendliches Ziel besteht nicht darin, Beliebtheits-Wettbewerbe zu gewinnen. Wenn man andere kritisiert, dann muss man auch damit leben, dass man sich hier und da unbeliebt macht. Das gilt insbesondere, wenn man Leute kritisiert, die ausser der Leichtgläubigkeit ihrer Zeitgenossen wenig faktisches in der Hand haben.
  2. So unbeliebt, wie man manchmal glauben mag, sind wir eigentlich gar nicht. Äußerungen wie die meines Rollenspiel-Kumpels sind eher typisch für Personen, die sich selbst von unserer Esoterik-Kritik getroffen fühlen oder deren persönliches Umfeld stark von solchen Leuten geprägt ist oder die sich durch unsere Kritik in ihrer persönlichen Gralssuche in der Homöopathie, in der Astrologie oder wo auch immer gestört fühlen. Es kommt natürlich auch vor, dass jemand ohne einen solchen Hintergrund zu einem solchen Urteil kommt. Aber typisch ist es eigentlich eher nicht.
  3. Dass dieses Bild dann doch tatsächlich ein Stück weit vom Mainstream aufgegriffen wird, liegt vor allem an dessen Esoterik-Affinität. Homöopathische Politiker und Pseudowissenschaft an der Hochschule gelten schon fast als Normalfall. Esoterik ist Teil eines modernen, „für alles offenen“ Lifestyles. Und da sind wir fast zwangsläufig die Spielverderber. Ganz egal, wie wir den Widerspruch nun genau formulieren.

Es wäre grob einseitig, mein Erlebnis am Wochenende allein als Zeichen unseres schlechten Auftretens zu interpretieren. Genausogut kann es auch einfach ein Zeichen dafür sein, das es noch viel für uns zu tun gibt. Oder um mal ein bisschen Gallileo-Gambit zu betreiben: Dass man auf Kritik stößt, heißt noch lange nicht, dass man unrecht hat.

Eine Frage der Zielsetzung

Dazu kommt, dass man leicht versucht ist, Schmähkritik überproportional zu werten. Sie ist laut, sie ist verletzend und sie ist oft genug genau so besserwisserisch, wie es nach ihrer Lesart eigentlich die Skeptiker sein sollten. Wertschätzung ist dagegen meist eher höflich zurückhaltend. Auch diesen Effekt sollte man bei dieser Diskussion nicht vergessen.

Einzelnen Erfahrungen wie dieser stehen zahllose andere gegenüber. Zumindest nach meiner Erfahrung wird offene Kritik auf der Basis von fundiertem Wissen von den meisten positiv aufgenommen. Unser traditioneller Anspruch, Blödsinn auch unverblümt als Blödsinn zu bezeichnen, wirkt auf die meisten Leute authentisch und macht uns glaubwürdig. Gerade auch weil wir uns nicht scheuen, uns der Kritik der Esoteriker auszusetzen. Und weil wir uns nicht krummbiegen, um den Vorurteilen, die sie über uns verbreiten, auszuweichen.

Wenn man darüber nachdenkt, wie man unsere skeptische Plattfüßlerarbeit erfolgreicher machen kann, dann sollte man auch darüber nachdenken, was eigentlich ihr Ziel ist. Uns beliebt zu machen, ist ganz sicher nicht unser Ziel sondern – im Kontext der Skeptiker-Arbeit – allenfalls Mittel zum Zweck. Unser Ziel ist vielmehr, kritisches Denken populär zu machen. Und zwei der banalsten Marketing-Grundkenntnisse bestehen darin, dass

  1. Glaubwürdigkeit wichtiger ist als wohlfällige Versprechungen und
  2. die Reaktion des Zielpublikums entscheidend ist und nicht die irgendeiner undefinierten breiten Masse.

Bei unserem Zielpublikum, also bei denjenigen, die ernsthaft an kritischem Denken interessiert sind, wirken wir gar nicht überheblich oder besserwisserisch sondern eher differenziert, gut informiert und – im Grunde ist das unser heiliger Gral – kritisch. Das negative Bild der Skeptiker ist eher verdrahtet bei esoterischen Gralssuchern und bei einer unkritischen breiten Masse.

Übrigens verläuft dieser Bruch nicht wie man erwarten würde zwischen Esoterikern und dem was auch immer das Gegenteil davon ist. Er verläuft quer durch beide Fraktionen. Auch von glaubensgetriebenen Menschen erlebe ich es relativ regelmäßig, dass sie vernunftbasierte Kritik aufnehmen, reflektieren und wertschätzen, ohne ihren Glauben gleich darüber zu verlieren. Und auch die empfinden diese Kritik in der Regel nicht als arrogant. Zuweilen als unbequem. Aber nicht als arrogant. Und spätestens das ist ein Zeichen dafür, dass unser Auftreten eigentlich recht erfolgreich ist.

Das Problem ist nicht, dass wir falsch rüberkommen. Das Problem ist, dass die esoterischen Gralssucher und die unkritische breite Masse einen erschreckend großen Teil der Gesellschaft ausmachen. Deshalb machen wir uns unbeliebt. Aber ändern ließe sich das nur, wenn wir dieses Problem nicht mehr kritisieren. Und ein Problem nicht mehr anzusprechen, weil es zu weit verbreitet ist, wäre schlicht absurd.

Kurz gesagt: Unsere Unbeliebtheit ist weniger ein Zeichen dafür, dass wir etwas falsch machen. Sie ist vor allem ein Zeichen dafür, dass wir sehr vieles richtig machen.

Sicher könnten wir vieles besser machen. Deshalb ist diese Diskussion gut und richtig. Und sie ist wichtig. Aber alles, was daraus folgt, sollte sich daran messen, welche Popularität für wissenschaftliche Methodik und kritisches Denken wir damit schaffen. Nicht daran, welchen Beliebtheitsgrad wir damit erreichen. Es geht ja gerade darum, Dinge zu kritisieren, die sich auf breiter Front einer gewissen Beliebtheit erfreuen.

Kollateralschäden im Freundeskreis

Es wäre schlicht und einfach naiv, zu glauben, das hätte keinerlei Auswirkungen auf das eigene Umfeld. Wer sich davor scheut, Freundschaften plötzlich in einem anderen Licht zu sehen oder auch mal einen Freund zu verlieren, wird als Skeptiker nicht glücklich werden. Aber wenn ich ehrlich bin, sind mir die evangelikalen Christen, mit denen ich mich leidenschaftlich über die Evolutionstheorie fetzen kann, gerade weil sie einen fundierten und explizit vorgetragenen Standpunkt schätzen, ein wertvollerer Freundeskreis als die breite Masse, mit der ich mich harmonisch arrangiere, indem ich ihnen nie einen Anlass gebe, ihre Vorurteile auszusprechen. Denn auch unausgesprochen ist das Vorurteil immer noch eine Beleidigung. Und das gute am Skeptikersein ist, dass man relativ klar herausfindet, wie die eigenen Mitmenschen über einen denken.

Deshalb komme ich der Aufforderung gerne nach.


Anhang: Rollenspielen nach den Motiven von Howard Phillips Lovecraft

Auf der Deutschen Cthulhu-Convention (DCC) treffen sich einmal im Jahr gut einhundert Freunde des deutschsprachigen Cthulhu-Rollenspielsystems. Drei Tage lang haben sie Spaß mit den Ideen und der typischen Atmosphäre aus H. P. Lovecrafts Geschichtenwelt. Eine wunderbare und absolut lohnende Veranstaltung. Und der Artikel soll auf keine Fall den Eindruck erwecken, dass Skeptiker-Bashing oder allgemein ein leichtfertiger Umgang mit Vorurteilen dort an der Tagesordnung ist. Eigentlich war es nur eine kleine Randbemerkung, die aber ein wichtiges Thema adressierte und so zu diesem Artikel führte. Die Cthulhu-Con hat es eher zufällig getroffen. Es ist halt ein Tagebucheintrag.

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#SkepKon 2013 – Persönliche Nachlese

Ein großartiges Konferenzwochenende ist vorbei. Die Batterie ist leer. Und es wurde sicher schon ausführlich genug berichtet. Darum halte ich hier nur ein paar Dinge fest, die mir ganz persönlich als bemerkenswert haften geblieben sind.

Wissenschaftliche Methodik für “Ghosthunter”

Sebastian Bartoschek berichtete im Rahmen des Publikumstages über seine Untersuchung der Geisterjäger-Szene. Interessant aber bisher nicht erklärbar ist das Phänomen, dass es in Städten am östlichen und am westlichen Rand Deutschlands anscheinend eine rege Geisterjäger-Szene gibt, weiter im Landesinnern dagegen anscheinend nicht.

Auch bemerkeswert, wenngleich naheliegender ist, dass deutsche Geisterjäger zwar allerlei Versuche und Messungen machen, diese aber aus naturwissenschaftlicher Sicht keine Unterscheidung zwischen Spuk-Phänomenen und anderen Ursachen zulassen. Beispielsweise stellt der sogenannte Move-Test nur fest, dass leichte Gegenstände verschoben wurden. Ob daran ein Spuk oder einfach ein Luftzug oder eine Erschütterung schuld war, ist nicht festzustellen. Auch Temperaturmessungen lassen keine Unterscheidung zu, ob ein Geist beim Materialisieren Wärmeenergie aus der Luft abzieht oder ob einfach ein Fenster offen ist.

Insofern stellen die Versuche der Geisterjäger bei allen akribischen Bemühungen keinen Test ihrer Hypothesen dar. Und selbst wenn tatsächlich mal ein Geist erscheinen sollte, könnten die Methoden ihn nichtmal von natürlichen Ursachen unterscheiden.

Sebastian plädiert für Untersuchungsmethoden, die eine klare Unterscheidung zulassen, und begründete Standards. Das ist prinzipiell richtig. Ich stelle mir allerdings die Frage, wieviele Geisterjäger noch bei der Geisterjagd blieben, wenn sie ihre Methoden wirklich unter wissenschaftstheoretisch haltbaren Kriterien sehen würden. Denn Sebastian bringt sein Publikum zum Schmunzeln mit dem naheliegendsten, was der Geisterjäger-Szene aus seiner Sicht fehlt: Geister.

Immer wieder Pseudomedizin

Der Schwerpunkt Pseudomedizin brachte erwartungsgemäß viel haarsträubendes. Aber hier und da auch eine gewisse Ermüdung seitens des Publikums. Die GWUP stellt dieses Thema schon seit langer Zeit sehr exklusiv in den Mittelpunkt. Das hat gute Gründe. Homöopathie und Antroposophische Medizin sind nicht nur mit Abstand die verbreitetsten irrationalen Überzeugungssysteme in Deutschland. Sie haben auch aktive Unterstützung aus Politik und Medien. Und sie verursachen Leid und massiven Schaden, indem sie in großer Zahl Patienten von wirksamen Behandlungen abhalten.

Deshalb ist es zu begrüßen, dass die GWUP sich intensiv diesem Themen widmet. Aber die Themenvielfalt leidet auch ein bisschen unter diesem Engagement. Und viele Mitglieder sind eigentlich wegen anderer Themen dabei. Es wäre wünschenswert, dass wir damit einen Umgang finden, der der Interessenvielfalt ein bisschen besser gerecht wird. Ich persönlich finde den Themenschwerpunkt vor allem bei Lobby- und PR-Aktivitäten wichtig. Vorträge zu pseudomedizinischen Themen würden mehr bewirken, wenn sie sich außerhalb der GWUP-Konferenz an ein breiteres Publikum richteten. Bei der eher internen Konferenz könnten wir uns dann ein bisschen mehr den anderen Themen widmen.

Grundsatzdiskussion über wissenschaftliche Methodik in der Medizin

Ein Punkt ist aber sicherlich aus den Diskussionen über Pseudomedizin herauszugreifen: Johannes Ring fordert eine radikale Änderung der Zulassungsgrundlagen für medizinische Behandlungsverfahren. Das zentrale Argument: Durch die Fokussierung auf positive Studien als einziges Kriterium haben quasi-magische “Therapieformen” wie Homöopathie die Möglichkeit sich mit naturwissenschaftlich plausiblen Methoden auf eine Stufe zu stellen – egal wie eindeutig sie aus naturwissenschaftlicher Sicht widerlegt sind. Er plädiert dafür, naturwissenschaftliche Plausibilität statt empirische Evidenz zum Kriterium zu machen.

Diese Forderung wird von der breiten Masse kritisch gesehen. Einige der wichtigen Gegenargumente:

  1. Wir sollten nicht leichtfertig bewährte wissenschaftliche Standards aufgeben nur weil sie von einem einzigen absurden Ansatz missbraucht werden.
  2. Es ist bei vielen Therapien nicht klar, wie sie aus naturwissenschftlicher Sicht genau funktionieren. Wir würden bei vielen Methoden viel Zeit unnötig verlieren. Auf einen Teil müssten wir ganz verzichten, obwohl er nachweislich funktioniert.
  3. Speziell die Homöopathie lebt vor allem von ihrer Lobby-Arbeit und der kritiklosen politischen Unterstützung. Das angesprochene Problem ist eher ein Nebenaspekt.
  4. Ein Ausschluss wegen naturwissenschaftlicher Unplausibilität würde der Behauptung, “Alternativmedizin” werde Unterdrückt, Vorschub leisten.

Nun ja, ich persönlich halte da durchaus mit Carl Sagan und “extraordinary claims require extraordinary evidence”. Es spricht nichts dagegen, dass Verfahren, die dem Stand der Naturwissenschaften direkt widersprechen, besonders kritisch geprüft werden. Das sollte beim Zulassungsverfahren auch explizit Beachtung finden. Aber bei einer angemessen kritischen Prüfung kann und sollte man die prinzipielle Möglichkeit, dass die moderne Physik sich als falsch erweist, auch zulassen.

Denn erstens wäre alles andere erst recht mit einem wissenschaftlichen Anspruch nicht zu vereinbaren. Und zweitens lehnen wir die Homöopathie nicht deshalb ab, weil ihre Wirksamkeit die moderne Physik radikal verändern würde. Wir lehnen sie ab, weil sie diese Wirksamkeit nachweislich nicht hat und es deshalb keinen Grund gibt, ihretwegen die Physik in Frage zu stellen.

Das Problem ist nicht, dass die bestehenden Standards nicht funktionieren oder nicht ausreichend naturwissenschaftlich wären. Im Gegenteil. Auch die empirischen Studien der Medizin sind letztlich ein Teil des wissenschaftlichen Fortschritts. Gerade dann, wenn sie den bestehenden Wissensstand in Frage stellen und möglicherweise neue Aspekte aufdecken.

Das Problem ist, dass sie von Pseudomedizinern systematisch unterlaufen werden und zwar mit Hilfe der Politik. Es wäre wohl ein frommer Wunsch, dass das bei einer plausibilitätsbasierten Medizin anders wäre. Im Zweifelsfall würde die eher dazu führen, dass Walachs sogenannte “schwache Quantentheorie” politischb hoffähig gemacht würde, damit die Homöopathie die Plausibilitätshürde schaffen würde. Am Ende hätten wir zur “alternativen” Medizin noch eine alternative Physik.

Das eigentliche Problem an der Homöopathie ist nicht ihr schludriger Umgang mit Evidenz – so ärgerlich das ist – sondern ihre Lobby.

Abgrenzung zwischen Verschwörungsglaube und psychischer Erkrankung

Holm Hümmler führte in die “Grundlagen” der Neuschwabenland-Verschwörungstheorie ein. Ein Thema, das untrennbar hiermit verbunden ist: Reichsflugscheiben. Denn wenn man deren Existenz nicht annimmt, kann man kaum erklären, wie die Nazis alles, was man für Polarexpeditionen und -stationen braucht, in die Antarktis hätten bringen können.

Eine wichtige Schlüssel-Erkenntnis aus dem Vortrag: Die Legenden um Wunderwaffen der Nazis, die heute noch kursieren, speisen sich zum Großteil aus der deutschen Kriegspropaganda. Um die Moral der Soldaten und auch der Bevölkerung in den letzten Kriegsmonaten zu erhalten, hat das Propagandaministerium gezielt Grüchte über bald einsatzbereite Wunderwaffen verbreitet.

Zur Erbauung gab es auch einige Kostproben aus den skurrilen Youtube-Videos unserer Freunde vom Berliner NSL-Stammtisch. Und das wiederum warf eine wie ich finde wichtige Frage auf: Darf man sich eigentlich ungeniert über Verschwörungstheoretiker lustig machen? Diese Frage bestimmte dann zu Recht auch einen großen Teil der Diskussion.

Einerseits sind es zunächst mal die Verschwörungstheoretiker selbst, die sich der Lächerlichkeit preisgeben. Und über vieles kann man auch einfach nur schallend lachen. Zudem ist Satire und Spott ein wichtiges Mittel, um die Absurdität mancher Standpunkte aufzudecken und eine breitere Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen. Zudem geht es um Behauptungen, die extremistisches Gedankengut nähren. Das gilt für Verschwörungstheorien im Allgemeinen. Und für Reichsflugscheiben und Neuschwabenland gilt es im besonderen. Denn diese Verschwörungslegenden sind typischerweise mehr oder minder offen mit den typischen rechtsextremen Auswüchsen bis hin zur Holocaust-Leugnung verknüpft.

Man hat es hier also nicht mit harmlosen Sonderlingen zu tun sondern mit echten geistigen Brandstiftern und ihren willfährigen Mitläufern. Und diese Leute sollte man nicht mit Samthandschuhen anfassen. Die Absurdität ihrer Behauptungen und Argumentationen aufzudecken, ist im Grunde sogar ethisch geboten. Und dazu gehört auch, dass man die Gelegenheit, diese lächerlich zu machen, nutzt, wenn sie geboten wird.

Andererseits muss man sich in einigen Fällen ernsthaft fragen, ob man sich da nicht über psychisch kranke Menschen lustig macht. Dieses Dilemma macht eine angemessene Kritik an braunen Verschwörungstheorien zu einem heiklen Thema.

Wie auch immer, an dieser Frage hat sich eine verfolgens- und weiterführenswerte Diskussion darüber entzündet, wie man bei Verschwörungstheoretikern eigentlich zwischen abseitiger Meinung und psychischer Erkrankung unterscheiden kann.

Ich kriege aus meiner laienhaften Erinnerung nicht mehr wirklich zusammen, was genau gesagt wurde. Es wäre toll, wenn einer der medizinisch kompetenten Blogger etwas dazu schreiben würde. Interessant war in jedem Fall, dass speziell Diskutanten mit psychologischem oder psychiatrischem Hintergrund sich für eine klare und systematische Abgrenzung aussprachen.

Mehrere Sexpartner als devote Phantasie

Nach all dem haarsträubenden Unsinn, der bei einer Skeptiker-Konferenz mit dem Schwerpunkt Pseudomedizin nunmal zusammenkommt, gab es zum Abschluss noch etwas wirklich erbauliches: Jessica Bahr stellte die Ergebnisse ihrer Doktorarbeit vor. Thema: Sex-Mythen. Da medizinische Doktorarbeiten einen überschaubaren Umfang haben, stand dahinter leider keine umfassende neue Studie. Aber die Übersichtsarbeit über ältere Untersuchungen zu diesem Thema liefert doch interessante vorläufige Antworten auf die Frage, was an den üblichen Klischees und Behauptungen um menschliche Sexualität wirklich dran ist.

Und das Gesamtergebnis ist interessanterweise, dass vieles von dem, was so allgemein daherfabuliert wird, auch tatsächlich weitgehend zutrifft. Für einen Skeptiker, zumindest für mich ist das ein überraschendes Ergebnis. Ganz speziell überraschten mich zwei Befunde.

Erstens scheint Pornographiekonsum tatsächlich geschlechtsspezifisch zu sein. Leider gibt die Studienlage nur den Ist-Zustand und sehr wenig über die genauen Hintergründe her. Es wäre interessant, zu erfahren, ob das am kulturellen Kontext, an der Machart des Angebots oder tatsächlich an unterschiedlichen Bedürfnissen liegt.

Zweitens ist Sex mit zwei Partnern zwar eine Phantasie, die Frauen genauso wie Männer haben. Aber es gibt speziell bei Frauen offenbar eine überraschende Korrelation mit der Positionierung im dominant-devot-Schema. Wie es scheint, träumen Frauen dann von mehreren Sexpartnern, wenn sie sich sexuell devot verhalten beziehungsweise sich gleichzeitig auch in eine devote Rolle träumen.

Das überrascht mich.

Nicht, dass ich nicht damit gerechnet hätte, dass diese Phantasie bei devoten Frauen beliebt ist. Aber dass sie es bei dominanten Frauen anscheinend signifikant weniger ist, verblüfft mich dann doch. Das wirft einige Fragen auf:

  • Geht es dabei nur um einen Geschlechtsakt mit mehr als zwei beteiligten oder gibt es die gleiche Korrelation auch hinsichtlich sexueller Treue bzw. wechselnder Partner?
  • Steht dahinter eine typische Vorstellung, wie “benutzt” zu werden, die mit der dominanten Rolle einfach nicht vereinbar wäre? Oder gibt es unterschiedliche “Basisvorstellungen”, von denen manche zu beiden oder – wie Cuckold-Phantasien oder Sexsklaven-Harems – sogar nur zur dominanten passen?
  • Und die wahrscheinlich wichtigste Frage, die auch in der Diskussion aufgeworfen wurde: Inwieweit steht dahinter eine kulturelle Prägung? Und inwieweit werden die Fragen in der Studie aufgrund dieser kulturellen Prägung vielleicht nur unterschiedlich beantwortet, obwohl die echten Bedürfnisse tatsächlich viel ähnlicher sind? Bekennen sich devote Frauen vielleicht einfach nur leichter zu ihrem Wunsch nach mehreren Sexpartnern?

Wie man sehr leicht sieht, gibt es hier reichlich Forschungsbedarf. Sicher wäre das ein lohnenderes Feld für öffentliche Forschungsfelder als Homöopathieforschung.

Weitere Beiträge zur SkepKon 2013

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Skeptics.de ist online!

Einigen ist es schon aufgefallen: Ich habe dieses Wochenende meine persönliche Blogsphere in zwei Teile geteilt. Am vergangenen Wochenende habe ich Skeptics.de Leben eingehaucht.

Der Hintergrund ist, dass die skeptischen Themen ein gewisses Eigenleben entwickelt haben. Das liegt zum einen daran, dass sie mich in letzter Zeit ziemlich stark zum Schreiben motiviert haben. Zum anderen liegt es auch an dem vielen positiven Feedback, den Ermunterungen und der Unterstützung, die ich speziell bei diesen Themen von außen erfahren habe.

Dafür möchte ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken! Danke!!!

Nessiehoaxer.de war und ist vor allem als mein persönliches Online-Tagebuch geplant. Hier schreibe ich über alles, was mich gerade interessiert – von Currywurst bis Neue Weltordnung. Dazu gehören – sogar zu einem großen Teil – auch skeptische Themen. Und das wird auch so bleiben. Aber es wird auch so bleiben, dass sie hier vor allem durch meine persönliche Sicht geprägt und als persönliche Anekdoten gemeint sind. Und es wird hier ein Thema von vielen bleiben.

Da einige Artikel daraus ein breites Interesse gefunden haben, denke ich, dass diese es aber wert sind, parallel zu meinem persönlichen Tagebuch dafür noch einen richtigen skeptischen Blog zu starten. Das ist Skeptics.de.

Auf Skeptics.de werde ich versuchen, vorzuführen, wie man mit einer gesunden Alltagsskepsis auf Basis von wissenschaftlichem Skeptizismus außergewöhnliche Behauptungen aller Art auseinandernehmen und überprüfen kann. Manche der Artikel zu skeptischen Themen, die ich bisher hier abgelegt habe, werde ich in Zukunft dort veröffentlichen. Manche weiterhin hier. Und manche werden auch an beiden Stellen zu finden sein – je nachdem, wie gut es in das Konzept von Skeptics.de passt oder wie stark es einfach eine persönliche Anekdote ist.

Während Nessiehoaxer.de mein ganz persönliches Tagebuch ist, in dem auch nur ich kritzeln darf, ist Skeptics.de prinzipiell als Multiblog gedacht. Ich habe also durchaus vor, in Zukunft vielleicht noch den einen oder anderen Mitblogger zu gewinnen, der Lust hat, sich daran zu beteiligen. Das würde die Themenauswahl etwas breiter und das Angebot etwas kontinuierlicher machen. Denn wer mich kennt, der weiss, dass das alles bei mir gewissen Schwankungen unterworfen ist. Mal schreibe ich ganz viel auf einmal. Und mal sind einfach andere Dinge aktuell – da kommt dann eine ganze Weile nichts. Ich hoffe, die Blog-Popularität hält das aus.

Aber erstmal sehen wir, wie es sich mittelfristig entwickelt. Ich wünsche in jedem Fall viel Spaß auf beiden Seiten!

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Minimale Realitätsverschiebung

Die Chemtrail-Verschwörungstheorie ist eine Verschwörungstheorie, die besonders wenig Konkretes zu bieten hat. Eigentlich verliert sich alles in vagen Andeutungen und suggestiver Sprache. Wie stark sie auf plumper Suggestion basiert, zeigt folgendes kleines Beispiel.

Folgendes Video wurde von “Sauberer Himmel” verlinkt. Hintergrund sind die in letzter Zeit in der Chemtrail-Szene kursierenden Geschichten von rätselhaften dunklen Linien am Himmel, denen die angeblich sprühenden Flugzeuge zu folgen scheinen.

Diese Erklärung ist nicht nur überzeugend, sie ist auch tatsächlich korrekt und wahrscheinlich erschöpfend. Der einzige Kunstgriff, mit dem die Chemtrail-Aktivisten sie in ihre Verschwörungstheorie integrieren, ist die suggestive Verwendung des Begriffes “Aerosol”.

Ich weiss nicht, ob die Produzenten des Videos ihn bewusst zu diesem Zweck gewählt haben. Aber “Sauberer Himmel” greift ihn zumindest mit dem entscheidenden Hinweis auf:

Eine wesentliche Voraussetzung für dieses Schattenspiel ist, dass der Himmel intensiv mit Aerosolen angereichert ist, was gegenwärtig aufgrund des ununterbrochen anhaltenden Chemtrailing leider der Fall ist.

“Entscheidend” in dem Sinne, dass genau hier der Unfug anfängt. Alles an dieser Geschichte ist vollkommen richtig, bis auf die Behauptung, dass eine “Anreicherung mit Aerosolen” nur durch künstliches Versprühen im Sinne der Chemtrail-VT zu erklären ist.

Denn was ist ein Aerosol? Ein Aerosol ist eine Menge eines flüssigen oder festen Stoffes, der kolloidal mit einem Gas vermischt ist. “Kolloidal” bedeutet dabei, dass die Partikel der Flüssigkeit bzw. des Feststoffes gerade so groß sind, dass

  1. einerseits das Licht sich daran bricht aber
  2. andererseits ihr Gewicht so gering ist, dass es gegenüber den Kollisionen mit den Gasmolekülen, die von allen Seiten kommen und den Partikel dadurch mehr oder minder in seiner Position halten, kaum eine messbare Wirkung hat.

Ein Aerosol besteht also aus zahllosen winzigen Partikeln, die so leicht sind, dass sie in der Luft schweben, aber dennoch Licht brechen. Deshalb sind sie als Nebel sichtbar.

Beispiele für Aerosole gibt es auch abseits von (künstlicher) Chemie zahlreiche.

  • Der Rauch am Lagerfeuer ist ein Aerosol.
  • Der feuchte Dunstschleier vor Wasserfällen ist ein Aerosol.
  • Der Schlamm in schmuddelig braunem Wasser ist zwar kein Aerosol, weil er in einer Flüssigkeit und nicht in einem Gas gelöst ist. Aber auch er ist kolloidal in diesem Wasser gelöst.

Und jetzt kommts:

  • Wolken sind ein Aerosol – nämlich Wasserdampf, der gerade zu kondensieren beginnt.
  • Der Nebel, der Morgens beschaulich über Wiesen und Bächen hängt, ist ein Aerosol.

Alles natürliche Aerosole.

Und auch Kondensstreifen sind – ganz ohne gezielt versprühte Chemie – ein Aerosol. Sie bestehen nämlich aus dem Wasser, das bei der Verbrennung im Flugzeugtriebwerk freigesetzt wird.

Und ist es rätselhaft, dass sich Kondensstreifen unter bestimmten Bedingungen lange halten? Naja, Wolken halten sich mitunter sehr lange. Der Nebel kann tagelang im Tal hängen. Wasserdampf in Aerosol-Form kann unter günstigen Bedingungen sehr stabil sein. Warum sollte das nicht auch für Kondensstreifen gelten.

Und was ist jetzt mit den dunklen Streifen? Manchmal sind die Bedingungen so, dass sich Wasserdampf zwar zu Kolloiden zusammenfügt aber nicht zu Wolken auftürmt. Man nennt das Dunst. Und der Himmel war schon immer manchmal dunstig, schon lange bevor es Flugzeuge gab. Man muss nur Berichte alter Seefahrer lesen. Da kommt sowas vor.

Und ja, wenn es dunstig ist, dann ist der Himmel – technisch formuliert – mit einem Aerosol angereichert, nämlich einem Nebel aus Wasser. Aber wenn man das entsprechend suggestiv so formuliert, wird aus etwas vollkommen natürlichen plötzlich ein Indiz für eine Verschwörungstheorie.

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Teil der Verschwörung

Dass Verschwörungstheoretiker Kritiker entweder für blöd oder zu einem Teil der Verschwörung erklären, ist nicht neu. Da überrascht es auch nicht, dass die Bürgerinitiative “Sauberer Himmel” Florian Freistetter und Sebastian Bartoschek als eine Art Lobbyisten einer ominösen Chemtrail-Connection darstellt. (Siehe hier und hier.)

Bei Florian Freistetter lautet die Argumentationskette wie folgt:

  1. Er schreibt kritisch über die Chemtrail-Verschwörungstheorie.
  2. Er hat beiläufig mit einem Institut zu tun, das zur Helmholtz-Gesellschaft gehört.
  3. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V. (DLR) ist ebenfalls in der Helmholtz-Gesellschaft.

Für “Sauberer Himmel” bedeutet das eine “auffällige Nähe zur Luftfahrt-Lobby”.

Mal ganz davon abgesehen, dass nach dieser Logik auch Heerscharen von Onkologen,und Ozeanographen eine “auffällige Nähe zur Luftfahrt-Lobby” hätten: Das ist ungefähr genauso lieblos konstruiert wie ein Roman von Dan Brown. Auch dort verstecken die Verschwörer die Hinweise auf die Verschwörung so geschickt, dass sie zwar über Jahrhunderte unentdeckt bleiben aber dann relativ leicht von durchschnittlich begabten Thriller-Fans gemütlich beim Schmökern im Bus aufgesammelt werden können.

Auch Konspirationisten suchen gerne Ostereier.

Aber was mich an dieser Geschichte eigentlich amüsiert: Meinen ersten waschechten HAARP-Verschwörungstheoretiker habe ich ausgerechnet beim DLR kennengelernt. Damals arbeiteten wir gemeinsam als Wissenschaftliche Mitarbeiter in einem Helmholtz-Projekt. Sogar einem richtigen Luftfahrt-Projekt.

Interessanterweise hat er die – gemäß der anderen HAARP-und-Chemtrail-Experten offensichtliche – Verbindung zu Chemtrails nie gesehen. Und Flugzeuge spielten in seinen – sonst recht blütenreichen Vorstellungen – auch keine bemerkenswerte Rolle. So richtig Spaß machen Verschwörungstheorien offenbar nur mit Dingen, die man nicht so richtig versteht, und Organisationen, zu denen man keinen Zugang hat.

Das war die Geschichte. Aber wo wir gerade dabei sind:

Niemand soll unwissend bleiben müssen. Deshalb beantworte ich natürlich auch gern die Frage, die die Chemtrail-Aktivisten von “Sauberer Himmel” anscheinend vorantreibt:

Es gibt offenbar Menschen, die sich bereits im Studium darauf spezialisieren, Skeptiker zu werden, um dann später Skepsis, die einen universitären Touch erhalten soll, zu verbreiten. Es wäre daher interessant zu erfahren, wer das Studium und die berufliche Tätigkeit dieser Berufs-Skeptiker fördert.

“Berufs-Skeptiker” gibt es nur in den Skeptiker-Verbänden. Wenn jemand bei einem Skeptiker-Verband angestellt ist, wird er von diesem auch bezahlt. Das ist wie bei jedem anderen Arbeitgeber. Und wenn sie studiert haben, dann haben sie das nicht anders finanziert als andere Studenten: durch Jobs, durch BAFöG, durch Geld von zuhause oder in Einzelfällen vielleicht auch durch Stipendien.

Allerdings sind die Möglichkeiten der Skeptiker-Verbände begrenzt. Wir sprechen von Vereinen mit in der Regel wenigen tausend Mitgliedern und recht moderaten Mitgliedsbeiträgen. Angestellte können die sich, wenn überhaupt, nur sehr wenige leisten. Und studentische Förderung geht normalerweise nicht über fachliche Unterstützung hinaus.

Bei Verschwörungstheoretikern verzerrt sich die Wahrnehmung der Realität aber gern mal ein bisschen, weil sie keine wissenschaftliche (Aus-)Bildung haben oder trotz dieser etwas eigenwillige Vorstellungen von Wissenschaft entwickeln. Daher muss man wohl folgendes ergänzen:

  1. Das System, das hinter der allgemeinen Kritik an der Chemtrails-Behauptung steht, existiert nur innerhalb der Verschwörungslegende. Wenn man viel Unfug verbreitet, wird man von vielen Leuten kritisiert. Dazu bedarf es keiner speziellen Organisation.
  2. Wissenschaftler und Skeptiker erscheinen für Außenstehende so ähnlich, weil sich die Skeptiker an die Regeln ordentlicher Wissenschaft halten, nicht weil sie die Wissenschaft unterwandern.

Skeptizismus verschafft sich keinen “universitären Touch”. Skeptizismus ist das konsequente Anwenden wissenschaftlicher Methoden und Kriterien auf eine bestimmte Kategorie von Behauptungen – die sogenannten Ungewöhnlichen Behauptungen. Und deshalb ist der Anteil von Akademikern unter den Skeptikern relativ hoch. Das sind schlicht und einfach die Leute, die mit wissenschaftlicher Methodik vertraut sind.

Wenn man also einhellige Kritik von Wissenschaftlern und Skeptikern erntet, dann deutet das nicht auf eine Verschwörung hin sondern eher darauf, dass einfach man gewaltig auf dem Holzweg ist.

Aber das nur als Gimmick.

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Vorschlag: “Gottesteilchen” als Unwort des Jahres 2012

Diesen Text habe ich soeben an die Jury der Aktion “Unwort des Jahres” verschickt:

Sehr geehrter Herr Professor Wengeler,
sehr geehrte Damen und Herren der Jury der Aktion “Unwort des Jahres”,

hiermit möchte ich den Begriff “Gottesteilchen” als Kandidat für das Unwort des Jahres 2012 vorschlagen.

Begründung:

Der wissenschaftliche Nachweis des Higgs-Bosons dürfte einer der bedeutendsten wissenschaftlichen Fortschritte der letzten Jahrzehnte sein – wenn nicht einer der bedeutendsten unseres noch jungen Jahrhunderts. Denn damit wäre nach jahrzehntelanger Arbeit das gängige Modell der Teilchenphysik vollständig empirisch bestätigt. Wie kaum eine Entdeckung steht das Higgs-Boson damit stellvertretend für die Fähigkeit des Menschen, mit Hilfe systematischer wissenschaftlicher Arbeit das Universum und seine Gesetzmässigkeiten nach und nach immer besser zu verstehen.

Leider verliert die Allgemeinheit immer mehr den Blick für die Bedeutung und den Wert dieser Fähigkeit. Gründe dafür gibt es viele. Als Beispiele seien genannt, dass wissenschaftliche Erkenntnisse immer abstrakter werden und es dem Normalbürger deshalb immer schwerer fällt, sie nachzuvollziehen, und dass irrationale Glaubenssysteme sich mit Hilfe moderner Medien immer besser als bequeme Alternative zu analytischem Denken verkaufen können.

Eine besondere Rolle in der Verbreitung von Irrationalität, latenter Wissenschaftsfeindlichkeit und der letztendlichen Ablehnung wissenschaftlicher Erkenntnisse spielt der allgemeine Sprachgebrauch. Medien gehen schludrig mit Begriffen und Zusammenhängen um. Politiker kokettieren vor laufender Kamera damit dass “Naturwissenschaften ihnen ja schon an der Schule zu schwierig waren”. Und naturgemäß folgt die breite Masse diesem Beispiel. Insbesondere wenn es um den Sprachgebrauch geht.

Der sprachliche Fehlgriff “Gottesteilchen” verdeutlicht in ganz besonderer Weise, wie mit einem schlechten Gebrauch von Sprache auch eine Bedeutungsveränderung einhergeht. Seine Verwendung in der öffentlichen Diskussion veranschaulicht, wie falsche Wortwahl zur Verbreitung von Fehlinformation führt. Und viele Reaktionen zeigen, dass dies wiederum zur Ablehnung eigentlich positiver Werte – in diesem Fall Vernunft und Erkenntnis – führen kann.

Selbstverständlich hat das Higgs-Boson genauso wenig oder genauso viel mit Gott, Religion oder Metaphysik zu tun wie jedes x-beliebige andere Elementarteilchen. Seine theoretische Ableitung und sein empirischer Nachweis machen genauso viele oder genauso wenige Aussagen über religiöse Fragestellungen wie jede x-beliebige andere Entdeckung im Bereich der Physik. Der Begriff “Gottesteilchen” entstammt lediglich der Verstümmelung eines Buchtitels. Der Autor wollte sein Buch zu diesem Thema “The Goddamned Particle” (“Das gottverdammte Teilchen”) nennen. Der Verleger machte daraus eigenmächtig “The God Particle” (“Das Gott-Teilchen”). Dies ist der gesammte Bezug des Higgs-Bosons zu Gott.

http://de.wikipedia.org/wiki/Higgs-Boson#Geschichte

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/eine-elementare-entdeckung-teilchen-und-nicht-gottesteilchen-11810119.html

Da jedoch jeder Bezug von Naturwissenschaften zu Religion – auch ein vermeintlicher – eine verständlicherweise große Attraktivität besitzt, konnte sich dieser Begriff in der Laien-Sprache etablieren. (Fachleute benutzen ihn üblicherweise nicht.) Insbesondere die Triviallliteratur, beispielsweise Dan Browns “Illuminati” hat hierzu beigetragen. Jetzt, wo der empirische Nachweis in der allgemeinen Wahrnehmung zur Diskussion steht, spricht nahezu die gesamte deutsche Presse vom Higgs-Boson unisono als “Gottesteilchen”.

http://www.spiegel.de/suche/index.html?suchbegriff=gottesteilchen

http://www.tagesschau.de/suche2.html?searchText=gottesteilchen&x=0&y=0

http://www.heute.de/ZDF/zdfportal/form/ZDF.de/4/10/3c7f64/Globale-Suche.html?text=gottesteilchen&Suchen=&action=search

Dies trägt dazu bei, dass sich der Begriff “Gottesteilchen” in der Alltagssprache als Synonym für das Higgs-Boson etabliert, dass viele Menschen es sogar nur unter diesem Begriff kennen. Dies führt wiederum dazu, dass viele Menschen an eine in Wirklichkeit nicht existente Verbindung zwischen Fragen der Teilchenphysik und der Religion glauben. Die Konsequenzen sind durchaus bedeutend:

  • Die Allgemeinheit entfernt sich weiter von einem Verständnis aktueller naturwissenschaftlicher Fragen. Dies ist eine direkte Bedrohung eines meiner Meinung nach sehr wichtigen gesellschaftlichen Wertes: der Allgemeinbildung.
  • Der Ablehnung naturwissenschaftlicher Forschung wird Vorschub geleistet. Viele Menschen nehmen die Tatsache, dass Teilchenphysik keine Erkenntnisse über religiöse Fragen liefern kann, als deren Versagen wahr, weil falsche Erwartungen geweckt wurden.
  • Irrationalität gewinnt an Bedeutung im alltäglichen Denken, weil der Anspruch der Naturwissenschaften, objektiv richtige Aussagen zu treffen, in der öffentlichen Diskussion hinter nebulösen, vermeintlich religiösen Metaphern verschwindet.
  • Ein falsches Verständnis wissenschaftlicher Methodik in Politik, Presse und Öffentlichkeit kann eine ernsthafte Bedrohung für die Finanzierung wichtiger Forschungsprojekte und damit generell für wissenschaftlichen und technischen Fortschritt werden.
  • Die Ausbreitung von Irrationalität und Aberglaube zusammen mit verzerrter, missbräuchlicher Nutzung wissenschaftlicher Aussagen oder gar die offene Anfeindung wissenschaftlicher Erkenntnis führt zu vielfältigen gesellschaftlichen Problemen – in Extremfällen bis hin zu politischem oder religiösem Fanatismus.

Ich bin der Meinung, dass die hartnäckige Verwendung des Begriffs “Gottesteilchen” für das Higgs-Boson in besonderer Weise verdeutlicht, wie schlechter Sprachgebrauch in der breiten Öffentlichkeit falsche, ja absurde Vorstellungen von einem Sachverhalt erzeugen und zu einem deutlich verzerrten Weltbild beitragen kann. Und dieser spezielle Sachverhalt hat zudem eine außerordentliche wissenschaftliche Bedeutung.

Leichtfertiger Umgang mit Sprache führt in diesem Fall möglicherweise dazu, dass diese besondere wissenschaftliche Bedeutung durch eine vermeintliche religiöse Bedeutung verdrängt wird. Dies wäre ein großer Schaden für die Wissenschaft. Und zwar nicht nur, weil sie eines ihrer wichtigsten Beiträge zum Fortschritt der Menschheit teilweise beraubt würde. Es brächte sie auch in eine Situation, in der sie aus religiöser Sicht sich entweder anmaßte, Aussagen über Religion zu treffen, oder sich als vermeintlich unfähig erwiese, Aussagen über Religion zu treffen.

Und gleichzeitig spielt es denjenigen in die Hände, die den unsauberen sprachlichen Umgang mit Wissenschaft in der Allgemeinheit ausnutzen, um irrationale Überzeugungssysteme zu verbreiten.

Aus diesen Gründen bereitet es mir – wie vielen Menschen, die sich für objektiven und rationalen Umgang mit wissenschaftlichen Fragen einsetzen – großes Unbehagen, wenn der Begriff “Gottesteilchen” leichtfertig in der Presse oder in der Allgemeinheit verwendet wird. Ich denke, es ist gerechtfertigt, diesen Begriff als Unwort zu bezeichnen.

Und meiner Meinung nach stellt neben den gesellschaftlichen Werten wie Vernunft und Menschlichkeit, die Sie bei Ihrer Auswahl berücksichtigen, auch eine unabhängige, in der Gesellschaft verankerte Wissenschaft ein hohes Gut dar. Beispiele, wie Wissenschaft über schlechte Sprache verzerrt und letztlich missbraucht wird und dadurch zu unrecht ihren gesellschaftlichen Rückhalt verliert, gibt es viele Aber ein Beispiel, das diese missbräuchliche Verzerrung so deutlich zeigt und dabei eine so herausragende wissenschaftliche Bedeutung hat, ist einzigartig. Deshalb halte ich eine Nominierung für das Unwort des Jahres 2012 für angemessen.

Ich bedanke mich herzlich für Ihr Interesse und stehe Ihnen natürlich jederzeit gern für Fragen zu meiner Begründung zur Verfügung. Um sich ein eigenes Bild von der Meinung der wissenschaftlichen Community zu dem Begriff “Gottesteilchen” zu verschaffen, empfehle ich das Scienceblogs-Portal, z. B.:

http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2012/07/liebe-medien-das-higgs-boson-ist-kein-gottesteilchen.php

Es grüßt Sie sehr herzlich

Philipp Nolden

P. S.: Ich habe mir erlaubt, diesen Text gleichzeitig auf meinem privaten Blog unter www.nessiehoaxer.de/?p=634 zu veröffentlichen. Gerne können Sie auch dort Fragen stellen oder Kommentare von anderen einsehen. (Natürlich kann ich nur für mich sprechen, nicht für die Wissenschaft. Und alles, was ich Ihnen geschrieben habe, ist lediglich meine persönliche Meinung.)

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Götterspeise und Götterteilchen

Auch wenn die Presse es ständig behauptet – niemand, der ensthaft etwas von Wissenschaft versteht, würde das Higgs-Boson als “Gottesteilchen” bezeichnen. Ich nehme an, nichtmal Theologen kämen auf so eine Idee. Solche Sprüche sind wohl eher als Zeichen journalistischer Inkompetenz zu betrachten.

Ganz interessant ist aber, wenn man den Wikipedia-Artikel über das Higgs-Boson liest, woher diese Fehlbezeichnung eigentlich kommt. Ein Buch über das Higgs-Boson sollte eigentlich “The Goddamned Particle” (Das gottverdammte Teilchen) heissen. Und der Verleger machte eigenmächtig daraus “The God Particle” (Das Gott-Teilchen). Und diese publizistische Frechheit hat es tatsächlich zur Popularität von Dan Browns “Illuminati” gebracht.

Nun ja, Dan Brown ist nicht gerade für solide Recherche bekannt. Aber dass Spiegel-Online, Tagesschau.de und diverse überregionale Tageszeitungen diesen Mist mitmachen, ist schon peinlich. Und es ist auch nicht ganz unbedenklich. Denn spätestens seit Dan Browns Religions-Schwarte glaubt jeder einigermassen schlecht informierte Laie, das Higgs-Boson gebe der Religion wirklich eine wissenschaftliche Basis. Und das ständige Geschwafel von dem “Teilchen, das auch Gottesteilchen genannt wird” trägt wirksam zu diesem Irrtum bei.

Böse Zungen würden vielleicht sagen, dass jemand, der glaubt, das “Gottesteilchen” habe etwas mit Gott zu tun, wahrscheinlich auch glaubt, dass Götterspeise echte Götter speist. Aber dabei übersieht man leicht, dass sich die Bezeichnung “Götterspeise” immerhin an Ambrosia anlehnt, der Speise, die den Alten Griechen zufolge den Göttern ewiges Leben und ewige Jugend garantierte. Das ist immerhin ein Bezug. Zwar kein wissenschaftlicher sondern nur einer auf der Ebene von Werbetext. Aber trotzdem hat Götterspeise immer noch mehr mit Göttern zu tun als das Gottesteilchen mit Gott.

Ich frage mich, warum eine so bedeutende Entdeckung wie die des Higgs-Bosons immer irgendeinen an den Haaren herbeigezogenen religiösen Bezug haben muss, damit sie auch die Tagespresse fasziniert.

Nachtrag: Lobend muss man die FAZ erwähnen, die sich – wie ich gerade auf der Suche nach passenden Links feststelle – ähnlich äußert und das Thema konsequent auf den wissenschaftlichen Gehalt beschränkt. Wenn doch nur alle Zeitungen so seriös mit wissenschaftlichen Fakten umgehen würden!

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Etwas unterbelichtet

Ich werde immer wieder gefragt, wie man ernsthaft an Lichtnahrung glauben kann. Und bis heute musste ich darauf immer antworten, dass ich mir das beim besten Willen leider auch nicht erklären kann. Aber dann habe ich in der Bahnhofsbuchhandlung in einer Esoterik-Zeitschrift geblättert. Und selbst dies kann dann und wann tatsächlich erhellend sein.

Die Hypothese lautet: Man kann sich ausnahmslos jeden Blödsinn plausibel und glaubwürdig reden, indem man hinreichend ungenau mit naturwissenschaftlichen Fakten umgeht. Lichtnahrung ist graduell gesehen ein außergewöhnlich großer Blödsinn. Und entsprechend groß muss dann die Ungenauigkeit sein. Aber auch das klappt.

Missbrauchte Naturwissenschaft

In besagter Schmonzette wurden – mit der schon erwähnten Ungenauigkeit – die Forschungsergebnisse eines gewissen Professor Popp wiedergegeben. Ich gebe zu, dass dieser Name lustig klingt, aber er ist keine Verballhornung. Fritz-Albert Popp ist eine ambivalente Figur der Naturwissenschaften. Er hat zumindest eine wichtige und verblüffende Entdeckung gemacht. Aber er hat sich leider, wie das öfter passiert, verleiten lassen, in unhaltbare Spekulationen abzudriften, was sein wissenschaftliches Ansehen zunichte gemacht hat – obwohl ihm für seine Entdeckung, wenn sie in ein insgesamt ernstzunehmendes wissenschaftliches Lebenswerk eingebettet wäre, schon einiger Ruhm zugestanden hätte.

Die Entdeckung ist, dass lebende Materie in sehr kleinen Mengen Lichtquanten abstrahlt. Man spricht von ultraschwacher Photonenemission oder auch von ultraschwacher Zellstrahlung. Und die hat nichts mit dem Licht zu tun, das Glühwürmchen oder Anglerfische erzeugen. Es ist eine extrem schwache elektromagnetische Strahlung, deren Wellenlänge sich ungefähr mit dem sichtbaren Bereich deckt, die aber viel zu schwach ist, um selbst bei absoluter Dunkelheit gesehen zu werden. Und sie wird von jeder normalen Zelle vollkommen ohne Leuchtstoffe irgendeiner Art abgestrahlt.

Die Gründe sich nicht geklärt, und das Phänomen ist faszinierend. Aber man kann das alles auch woanders nachlesen. Was ich an dieser Stelle speziell interessant finde, ist, wie man an diesem Beispiel nachvollziehen kann, wie aus echten wissenschaftlichen Fakten durch ein ausreichendes Maß an Ungenauigkeit, mangelnder Sorgfalt und auch einem ausreichend großem Maß an Ignoranz gegenüber der Unterscheidung von richtiger und falscher Darstellung eine Begründung für einen wirklich haarsträubenden Unfug wird.

Die belegbaren Fakten

Zellen senden gelegentlich Lichtquanten aus. Gemessen wurden bisher Strahlungsintensitäten zwischen einem und 1000 Photonen pro Quadratzentimeter und Sekunde. Das bedeutet, dass eine einzelne Zelle im Durchschnitt etwa ein Photon pro Monat abstrahlt. Dieses Phänomen scheint unabhängig davon zu sein, ob die Zelle von Tieren oder Pflanzen stammt. Die Ursachen sind ungeklärt. Hypothesen, dass die Quanten aus dem Zellkern bzw. der DNA stammen, konnten bisher nicht bestätigt werden.

Die Darstellung durch Verfechter von Lichtnahrung

Die Biophysik hat festgestellt, dass lebende Zellen Licht ausstrahlen.

Man beachte den suggestiven Charakter. Die Aussage ist zwar prinzipiell richtig, aber wahrscheinlich würde niemand bei einem Photon pro Monat von “Licht ausstrahlen” sprechen. Gerade esoterikbegeisterte Menschen, die bekanntlich mit Vorliebe Verben wie “strahlen” oder “leuchten” benutzen, dürften sich bei dieser Formulierung etwas ganz anderes vorstellen als tatsächlich in der Realität passiert.

Die esoterische Schlussfolgerung

Wir sind Lichtwesen.

Ernsthaft, es gibt Internet-Seiten, auf denen aus dem “Sachverhalt” aus dem vorigen Abschnitt DAS geschlossen wird. Und auch der Artikel, der mich zu dieser kleinen Recherche inspiriert hat, hat so argumentiert. Zwar etwas eloquenter aber letztlich genau so.

Fairerweise müsste man dazu sagen, dass die ultraschwache Photonenemission erstmalig bei Zwiebeln nachgewiesen wurde. Nach dieser Logik wären also vor allen Dingen Zwiebeln Lichtwesen. Aber waschechte Esoteriker würden dann wahrscheinlich sagen, dass letztlich alles Leben strahlt und deshalb prinzipiell alle Wesen Lichtwesen seien. Esoteriker haben sich noch nie gescheut, sich selbst oder ihre Klienten zu etwas ganz besonderem zu erklären und gleich im nächsten Satz zu erläutern, dass ausnahmslos jedes Lebewesen im Universum auf genau die gleiche Art und Weise besonders sei. Also lassen wir das mit den Zwiebeln.

Und das schamlose Umkrempeln der Kausalität…

Eigentlich ist das schon absurd genug. Aber um zur Lichtnahrung zu kommen, braucht es nur noch eines einzigen Schachzuges. Und der ist nichtmal besonders schwierig. Man muss nur einfach mal eben die (falsch verstandene) Ursache mit der (nicht vorhandenen) Wirkung vertauschen.

Wenn man mit Logik an die Sache herangeht, muss man sich wahrscheinlich mental von innen nach außen stülpen, um diesen Gedankenschritt nachzuvollziehen. Aber in Esoterik-Kreisen scheint es Konsens zu sein, dass Licht abstrahlen bei Bedarf gleichbedeutend mit Licht empfangen ist. Und auch Esoteriker wissen, dass Licht irgendwas mit Energie zu tun hat. Und damit ist – zumindest für manche Menschen – hinreichend erklärt, weshalb man sich von Licht ernähren können soll.

Profane Menschen würden jetzt einwenden, dass aus dieser Logik genauso folgt, dass man eine Taschenlampe wieder aufladen kann, indem man sie anleuchtet. Aber Taschenlampen sind anscheinend keine Lichtwesen. Obwohl sie auch Licht abstrahlen.

…gut abgeschmeckt mit ein bisschen Geschwurbel

Da Esoterik vom Phrasendreschen lebt, wird diese Schlussfolgerungskette freilich selten so klar und geradlinig wiedergegeben. Gerade der letzte Gedankenschritt ist so offensichtlich blödsinnig, dass man ihn schon mit ein paar der üblichen Worthülsen aufhübschen muss. Eine klassische Gedankenkette, die für die notwendige Scheinglaubwürdigkeit sorgt, könnte in etwas so aussehen:

  1. Wir sind Lichtwesen, weil unser Licht leuchtet – und zwar bis auf die Ebene unserer Zellen!
  2. Mit Biophotonen (so nenne ich die jetzt einfach mal, weil die ja aus Lebewesen kommen) kann man ganz tolle Sachen machen. Zum Beispiel kann man damit gute Bionahrungsmittel von böser Lebensmittelchemie unterscheiden. Das hab ich zumindest irgendwo gehört. Damit ist ja wohl bewiesen, dass Biophotonen etwas ungeheuer gutes sind.
  3. Unser Zell-Licht bildet dann auch unsere Licht-Aura. Ist ja klar.
  4. Und da unsere Licht-Aura auch als Lichtkörper bezeichnet wird, habe ich ja wohl endlich eine handfeste physiologische Bedeutung suggeriert.
  5. Aber um sicher zu gehen, weise ich trotzdem nochmal darauf hin, dass die Aura ein feinstoffliches Energiefeld ist.
  6. Und weil das bei feinstofflichen Energiefeldern eben so ist, muss ich nur meine geistigen Fähigkeiten üben, um damit die Biophotonen als Nahrung aufnehmen zu können. (Richtig, jetzt kommen die plötzlich von außen. Aber so genau guckt ja sowieso keiner hin.)

Ich verstehe, dass es beim Beispiel Lichtnahrung wirklich schwer ist, es zu glauben. Aber es ist tatsächlich so. Wenn man von der Gier nach dem nächsten Mysterium angetrieben ist und bei jedem einzelnen Gedankenschritt nur das raushört, was man hören will, nämlich einen Hinweis auf ein Wunder, und das glaubt, was sich richtig anfühlt anstatt zu hinterfragen, ob es richtig ist (das ist natürlich der eigentlich wesentliche Punkt), dann glaubt man am Ende tatsächlich an Lichtnahrung.

Und da ich mir beim Essen keinen Sonnenbrand holen will, mache ich mir jetzt eine anständige Currywurst.

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Wie man Fernsehgebühren zum Fenster rauswirft

Ein hübsches Lehrbuch-Beispiel dafür, wie man astrologischen Vorhersagen eine Scheingenauigkeit verleiht, liefert Elisabeth Teissier auf ihrer Homepage:

RICHTIGE PROGNOSE FÜR DEUTSCHE MANNSCHAFT!

In einer Samstagabend-Show namens “Sommerfest” mit Florian Silbereisen habe sie einen “Sieg” der deutschen Nationalelf “prophezeit”.

Man nehme eine Vorhersage mit hoher Trefferwahrscheinlichkeit, in diesem Fall einen Sieg der deutschen Nationalmannschaft im Eröffnungsspiel gegen Portugal. Man nenne diese hochtrabend eine “Prognose”, damit es nach einer komplexen und anspruchsvollen Vorhersage klingt – und so als sei es etwas außergewöhnliches, wenn sie zutrifft. Und wenn tatsächlich das Naheliegende eintritt, interpretiere man das als Bestätigung der Astrologie.

Und als ob sich nicht jetzt schon die Balken biegen würden, fabuliert sie fröhlich weiter, sie habe darauf hingewiesen, dass es nach etwa dreißig Minuten

“sehr heiss für Deutschland werden könnte”.

Und natürlich ist jede beliebige dramatische Szene recht, um diese “Vorhersage” zu bestätigen. Nun stellt sich die Frage, ob Elisabeth Tessier wirklich glaubt, dass es etwas aussergewöhnliches ist, wenn in den letzten zwei Dritteln eines Länderspieles etwas spannendes passiert.

Aber das ist ihre Sache. Das eigentliche Ärgernis ist, dass Fernsehgebühren rausgeworfen werden, um so einen Mist unters Volk zu streuen. Das ist unerträglich.

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