#SkepKon 2013 – Persönliche Nachlese

Ein großartiges Konferenzwochenende ist vorbei. Die Batterie ist leer. Und es wurde sicher schon ausführlich genug berichtet. Darum halte ich hier nur ein paar Dinge fest, die mir ganz persönlich als bemerkenswert haften geblieben sind.

Wissenschaftliche Methodik für “Ghosthunter”

Sebastian Bartoschek berichtete im Rahmen des Publikumstages über seine Untersuchung der Geisterjäger-Szene. Interessant aber bisher nicht erklärbar ist das Phänomen, dass es in Städten am östlichen und am westlichen Rand Deutschlands anscheinend eine rege Geisterjäger-Szene gibt, weiter im Landesinnern dagegen anscheinend nicht.

Auch bemerkeswert, wenngleich naheliegender ist, dass deutsche Geisterjäger zwar allerlei Versuche und Messungen machen, diese aber aus naturwissenschaftlicher Sicht keine Unterscheidung zwischen Spuk-Phänomenen und anderen Ursachen zulassen. Beispielsweise stellt der sogenannte Move-Test nur fest, dass leichte Gegenstände verschoben wurden. Ob daran ein Spuk oder einfach ein Luftzug oder eine Erschütterung schuld war, ist nicht festzustellen. Auch Temperaturmessungen lassen keine Unterscheidung zu, ob ein Geist beim Materialisieren Wärmeenergie aus der Luft abzieht oder ob einfach ein Fenster offen ist.

Insofern stellen die Versuche der Geisterjäger bei allen akribischen Bemühungen keinen Test ihrer Hypothesen dar. Und selbst wenn tatsächlich mal ein Geist erscheinen sollte, könnten die Methoden ihn nichtmal von natürlichen Ursachen unterscheiden.

Sebastian plädiert für Untersuchungsmethoden, die eine klare Unterscheidung zulassen, und begründete Standards. Das ist prinzipiell richtig. Ich stelle mir allerdings die Frage, wieviele Geisterjäger noch bei der Geisterjagd blieben, wenn sie ihre Methoden wirklich unter wissenschaftstheoretisch haltbaren Kriterien sehen würden. Denn Sebastian bringt sein Publikum zum Schmunzeln mit dem naheliegendsten, was der Geisterjäger-Szene aus seiner Sicht fehlt: Geister.

Immer wieder Pseudomedizin

Der Schwerpunkt Pseudomedizin brachte erwartungsgemäß viel haarsträubendes. Aber hier und da auch eine gewisse Ermüdung seitens des Publikums. Die GWUP stellt dieses Thema schon seit langer Zeit sehr exklusiv in den Mittelpunkt. Das hat gute Gründe. Homöopathie und Antroposophische Medizin sind nicht nur mit Abstand die verbreitetsten irrationalen Überzeugungssysteme in Deutschland. Sie haben auch aktive Unterstützung aus Politik und Medien. Und sie verursachen Leid und massiven Schaden, indem sie in großer Zahl Patienten von wirksamen Behandlungen abhalten.

Deshalb ist es zu begrüßen, dass die GWUP sich intensiv diesem Themen widmet. Aber die Themenvielfalt leidet auch ein bisschen unter diesem Engagement. Und viele Mitglieder sind eigentlich wegen anderer Themen dabei. Es wäre wünschenswert, dass wir damit einen Umgang finden, der der Interessenvielfalt ein bisschen besser gerecht wird. Ich persönlich finde den Themenschwerpunkt vor allem bei Lobby- und PR-Aktivitäten wichtig. Vorträge zu pseudomedizinischen Themen würden mehr bewirken, wenn sie sich außerhalb der GWUP-Konferenz an ein breiteres Publikum richteten. Bei der eher internen Konferenz könnten wir uns dann ein bisschen mehr den anderen Themen widmen.

Grundsatzdiskussion über wissenschaftliche Methodik in der Medizin

Ein Punkt ist aber sicherlich aus den Diskussionen über Pseudomedizin herauszugreifen: Johannes Ring fordert eine radikale Änderung der Zulassungsgrundlagen für medizinische Behandlungsverfahren. Das zentrale Argument: Durch die Fokussierung auf positive Studien als einziges Kriterium haben quasi-magische “Therapieformen” wie Homöopathie die Möglichkeit sich mit naturwissenschaftlich plausiblen Methoden auf eine Stufe zu stellen – egal wie eindeutig sie aus naturwissenschaftlicher Sicht widerlegt sind. Er plädiert dafür, naturwissenschaftliche Plausibilität statt empirische Evidenz zum Kriterium zu machen.

Diese Forderung wird von der breiten Masse kritisch gesehen. Einige der wichtigen Gegenargumente:

  1. Wir sollten nicht leichtfertig bewährte wissenschaftliche Standards aufgeben nur weil sie von einem einzigen absurden Ansatz missbraucht werden.
  2. Es ist bei vielen Therapien nicht klar, wie sie aus naturwissenschftlicher Sicht genau funktionieren. Wir würden bei vielen Methoden viel Zeit unnötig verlieren. Auf einen Teil müssten wir ganz verzichten, obwohl er nachweislich funktioniert.
  3. Speziell die Homöopathie lebt vor allem von ihrer Lobby-Arbeit und der kritiklosen politischen Unterstützung. Das angesprochene Problem ist eher ein Nebenaspekt.
  4. Ein Ausschluss wegen naturwissenschaftlicher Unplausibilität würde der Behauptung, “Alternativmedizin” werde Unterdrückt, Vorschub leisten.

Nun ja, ich persönlich halte da durchaus mit Carl Sagan und “extraordinary claims require extraordinary evidence”. Es spricht nichts dagegen, dass Verfahren, die dem Stand der Naturwissenschaften direkt widersprechen, besonders kritisch geprüft werden. Das sollte beim Zulassungsverfahren auch explizit Beachtung finden. Aber bei einer angemessen kritischen Prüfung kann und sollte man die prinzipielle Möglichkeit, dass die moderne Physik sich als falsch erweist, auch zulassen.

Denn erstens wäre alles andere erst recht mit einem wissenschaftlichen Anspruch nicht zu vereinbaren. Und zweitens lehnen wir die Homöopathie nicht deshalb ab, weil ihre Wirksamkeit die moderne Physik radikal verändern würde. Wir lehnen sie ab, weil sie diese Wirksamkeit nachweislich nicht hat und es deshalb keinen Grund gibt, ihretwegen die Physik in Frage zu stellen.

Das Problem ist nicht, dass die bestehenden Standards nicht funktionieren oder nicht ausreichend naturwissenschaftlich wären. Im Gegenteil. Auch die empirischen Studien der Medizin sind letztlich ein Teil des wissenschaftlichen Fortschritts. Gerade dann, wenn sie den bestehenden Wissensstand in Frage stellen und möglicherweise neue Aspekte aufdecken.

Das Problem ist, dass sie von Pseudomedizinern systematisch unterlaufen werden und zwar mit Hilfe der Politik. Es wäre wohl ein frommer Wunsch, dass das bei einer plausibilitätsbasierten Medizin anders wäre. Im Zweifelsfall würde die eher dazu führen, dass Walachs sogenannte “schwache Quantentheorie” politischb hoffähig gemacht würde, damit die Homöopathie die Plausibilitätshürde schaffen würde. Am Ende hätten wir zur “alternativen” Medizin noch eine alternative Physik.

Das eigentliche Problem an der Homöopathie ist nicht ihr schludriger Umgang mit Evidenz – so ärgerlich das ist – sondern ihre Lobby.

Abgrenzung zwischen Verschwörungsglaube und psychischer Erkrankung

Holm Hümmler führte in die “Grundlagen” der Neuschwabenland-Verschwörungstheorie ein. Ein Thema, das untrennbar hiermit verbunden ist: Reichsflugscheiben. Denn wenn man deren Existenz nicht annimmt, kann man kaum erklären, wie die Nazis alles, was man für Polarexpeditionen und -stationen braucht, in die Antarktis hätten bringen können.

Eine wichtige Schlüssel-Erkenntnis aus dem Vortrag: Die Legenden um Wunderwaffen der Nazis, die heute noch kursieren, speisen sich zum Großteil aus der deutschen Kriegspropaganda. Um die Moral der Soldaten und auch der Bevölkerung in den letzten Kriegsmonaten zu erhalten, hat das Propagandaministerium gezielt Grüchte über bald einsatzbereite Wunderwaffen verbreitet.

Zur Erbauung gab es auch einige Kostproben aus den skurrilen Youtube-Videos unserer Freunde vom Berliner NSL-Stammtisch. Und das wiederum warf eine wie ich finde wichtige Frage auf: Darf man sich eigentlich ungeniert über Verschwörungstheoretiker lustig machen? Diese Frage bestimmte dann zu Recht auch einen großen Teil der Diskussion.

Einerseits sind es zunächst mal die Verschwörungstheoretiker selbst, die sich der Lächerlichkeit preisgeben. Und über vieles kann man auch einfach nur schallend lachen. Zudem ist Satire und Spott ein wichtiges Mittel, um die Absurdität mancher Standpunkte aufzudecken und eine breitere Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen. Zudem geht es um Behauptungen, die extremistisches Gedankengut nähren. Das gilt für Verschwörungstheorien im Allgemeinen. Und für Reichsflugscheiben und Neuschwabenland gilt es im besonderen. Denn diese Verschwörungslegenden sind typischerweise mehr oder minder offen mit den typischen rechtsextremen Auswüchsen bis hin zur Holocaust-Leugnung verknüpft.

Man hat es hier also nicht mit harmlosen Sonderlingen zu tun sondern mit echten geistigen Brandstiftern und ihren willfährigen Mitläufern. Und diese Leute sollte man nicht mit Samthandschuhen anfassen. Die Absurdität ihrer Behauptungen und Argumentationen aufzudecken, ist im Grunde sogar ethisch geboten. Und dazu gehört auch, dass man die Gelegenheit, diese lächerlich zu machen, nutzt, wenn sie geboten wird.

Andererseits muss man sich in einigen Fällen ernsthaft fragen, ob man sich da nicht über psychisch kranke Menschen lustig macht. Dieses Dilemma macht eine angemessene Kritik an braunen Verschwörungstheorien zu einem heiklen Thema.

Wie auch immer, an dieser Frage hat sich eine verfolgens- und weiterführenswerte Diskussion darüber entzündet, wie man bei Verschwörungstheoretikern eigentlich zwischen abseitiger Meinung und psychischer Erkrankung unterscheiden kann.

Ich kriege aus meiner laienhaften Erinnerung nicht mehr wirklich zusammen, was genau gesagt wurde. Es wäre toll, wenn einer der medizinisch kompetenten Blogger etwas dazu schreiben würde. Interessant war in jedem Fall, dass speziell Diskutanten mit psychologischem oder psychiatrischem Hintergrund sich für eine klare und systematische Abgrenzung aussprachen.

Mehrere Sexpartner als devote Phantasie

Nach all dem haarsträubenden Unsinn, der bei einer Skeptiker-Konferenz mit dem Schwerpunkt Pseudomedizin nunmal zusammenkommt, gab es zum Abschluss noch etwas wirklich erbauliches: Jessica Bahr stellte die Ergebnisse ihrer Doktorarbeit vor. Thema: Sex-Mythen. Da medizinische Doktorarbeiten einen überschaubaren Umfang haben, stand dahinter leider keine umfassende neue Studie. Aber die Übersichtsarbeit über ältere Untersuchungen zu diesem Thema liefert doch interessante vorläufige Antworten auf die Frage, was an den üblichen Klischees und Behauptungen um menschliche Sexualität wirklich dran ist.

Und das Gesamtergebnis ist interessanterweise, dass vieles von dem, was so allgemein daherfabuliert wird, auch tatsächlich weitgehend zutrifft. Für einen Skeptiker, zumindest für mich ist das ein überraschendes Ergebnis. Ganz speziell überraschten mich zwei Befunde.

Erstens scheint Pornographiekonsum tatsächlich geschlechtsspezifisch zu sein. Leider gibt die Studienlage nur den Ist-Zustand und sehr wenig über die genauen Hintergründe her. Es wäre interessant, zu erfahren, ob das am kulturellen Kontext, an der Machart des Angebots oder tatsächlich an unterschiedlichen Bedürfnissen liegt.

Zweitens ist Sex mit zwei Partnern zwar eine Phantasie, die Frauen genauso wie Männer haben. Aber es gibt speziell bei Frauen offenbar eine überraschende Korrelation mit der Positionierung im dominant-devot-Schema. Wie es scheint, träumen Frauen dann von mehreren Sexpartnern, wenn sie sich sexuell devot verhalten beziehungsweise sich gleichzeitig auch in eine devote Rolle träumen.

Das überrascht mich.

Nicht, dass ich nicht damit gerechnet hätte, dass diese Phantasie bei devoten Frauen beliebt ist. Aber dass sie es bei dominanten Frauen anscheinend signifikant weniger ist, verblüfft mich dann doch. Das wirft einige Fragen auf:

  • Geht es dabei nur um einen Geschlechtsakt mit mehr als zwei beteiligten oder gibt es die gleiche Korrelation auch hinsichtlich sexueller Treue bzw. wechselnder Partner?
  • Steht dahinter eine typische Vorstellung, wie “benutzt” zu werden, die mit der dominanten Rolle einfach nicht vereinbar wäre? Oder gibt es unterschiedliche “Basisvorstellungen”, von denen manche zu beiden oder – wie Cuckold-Phantasien oder Sexsklaven-Harems – sogar nur zur dominanten passen?
  • Und die wahrscheinlich wichtigste Frage, die auch in der Diskussion aufgeworfen wurde: Inwieweit steht dahinter eine kulturelle Prägung? Und inwieweit werden die Fragen in der Studie aufgrund dieser kulturellen Prägung vielleicht nur unterschiedlich beantwortet, obwohl die echten Bedürfnisse tatsächlich viel ähnlicher sind? Bekennen sich devote Frauen vielleicht einfach nur leichter zu ihrem Wunsch nach mehreren Sexpartnern?

Wie man sehr leicht sieht, gibt es hier reichlich Forschungsbedarf. Sicher wäre das ein lohnenderes Feld für öffentliche Forschungsfelder als Homöopathieforschung.

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