Menschenfleischmetzger in Nigeria

Ein Gast in einem Hotelrestaurant in der nigerianischen Provinz wundert sich über den hohen Preis. Daraufhin wird ihm erklärt, es handele sich um eine ganz besondere Delikatesse: Menschenfleisch.

Bei einer Razzia stellt die örtliche Polizei später mehrere automatische Sturmgewehre des Typs AK-47 sowie reichlich Munition sicher. Und sie macht noch einen bedeutend grausigeren Fund: In der Küche lagern zwei säuberlich in Cellophan eingewickelte menschliche Köpfe. Weitere Fleischstücke, teilweise bereits für den Verzehr vorbereitet, sind vermutlich ebenfalls menschlicher Herkunft.

Nachbarn sagen später aus, Ihnen seien dort öfter Gäste verdächtig vorgekommen. Ein Pfarrer, der gelegentlich in diesem Restaurant zu Gast war, beteuert dagegen, nicht das geringste geahnt zu haben – obwohl nach Polizeiangaben “gebratener Menschenkopf” ausdrücklich auf der Speisekarte zu finden gewesen sein soll.

Man soll es nicht glauben.

Ehrlich, man sollte es nicht einfach so glauben. Diese Geschichte – frei nacherzählt von mir – habe ich beim Honigmann gefunden. Nicht, dass es etwas neues ist, dass da allerlei Räuberpistolen stehen. Aber von modernem Kannibalismus in Schwarzafrika hört man ja immer wieder mal. Zumindest in der Trivialliteratur darf das Thema dann und wann als Spannungsbringer herhalten. Da wüsste ich schon gern, ob da irgendwas dran ist.

Wikipedia liefert erstaunlich wenig zum modernen Kannibalismus – vornehmlich Material zu Serientätern und Kannibalismus in Überlebenssituationen. Nicht aber zu den düsteren Vorgängen in den entlegensten Winkeln unseres Planeten, die offensichtlich auch im 21. Jahrhundert immer noch geeignet sind, um unsere Phantasie auf Touren zu bringen.

Also gehen wir doch einfach mal spasseshalber den Quellenverweisen nach.

Der Honigmann beruft sich auf Ria Novosti, ein russisches Nachrichtenportal, welches auch in deutscher Sprache veröffentlicht und in Kreisen rechtsgerichteter deutscher Verschwörungsblogger eine gewisse Reputation zu haben scheint. Der Artikel bei Ria Novosti vom 12. Februar 2014 beruft sich wiederum auf den Daily Mirror.

Auch wenn nicht direkt verlinkt wird, darf man wohl davon ausgehen, dass es sich dabei um die gleichnamige britische Boulevardzeitung handelt. Und tatsächlich findet sich in dessen Online-Archiv eine Meldung vom selben Tag. Leider fehlen jedwede Quellenangaben.

Also muss gegoogelt werden.

Wie es scheint geisterte die Geschichte vom nigerianischen Menschenfleischrestaurant durch alle möglichen deutsch- und englischsprachigen Boulevard-Nachrichtenportale (z B. hier). Und mit ein bisschen Suchen lässt sich auch die gemeinsame Quelle identifizieren.

Der Osun Defender ist eine Boulevardzeitung aus der nigerianischen Bundesstaat Osun. Und diese berichtete bereits am 5. September 2013 über diesen Vorfall.

Nun fühle ich mich nicht in der Lage, die Glaubwürdigkeit von Boulevardblättern im ländlichen Schwarzafrika zu beurteilen. Aber ein paar Dinge fallen an der Geschichte spätestens hier dann doch auf:

  • Alle bisher erwähnten oder bei der Suche gefundenen Meldungen sind von Inhalt und Wortlaut her praktisch identisch.
  • Alle Informationen sind offensichtlich ohne weitere Recherchen aus der Meldung im Osun Defender übernommen.
  • Auch dort sind die Angaben ziemlich vage – “a hotel (name withheld)”, “a vegetable seller in the area”, “A Pastor who was among the people who tipped off the police”.

Andererseits muss man sagen, dass die Geschichte tatsächlich aus dem Winkel Afrikas zu stammen scheint, auf den sie sich auch bezieht. Das ist weit mehr als man über viele andere Dinge, die man auf Verschwörungs-Blogs so findet, sagen kann.

Die Pressemeldungen der nigerianischen Polizei und die Nachrichten auf den Internet-Auftritten der regionalen Verwaltung in Osun geben nichts zum Thema her. Das ist allerdings auch nicht überraschend; dass man sich als offizielle Vertretung der Region nicht gern mit einer solchen Geschichte hervortut, kann ich verstehen.

Also wo hat der Osun Defender seine Informationen her? Klassische journalistische Recherche? Haben die Redakteure gar selbst mit dem Pastor und dem Gemüsehändler gesprochen?

Anscheinend nicht.

Auch der Osun Defender hat die ganze Geschichte offenbar nur abgeschrieben, dankenswerterweise mit Quellenangabe. Naija Zip ist ein nigerianischer Blog mit dem Subtitel:

Latest Gossip News,Fashion And Style, Nigeria Entertainment News, News And Feature, Relationship Tips And Sport.

Aha.

Naija Zip wiederum nennt als Quelle Naijaloaded, ein weiteres nigerianisches News-Portal, dessen Artikel anscheinend die Primärquelle ist. Genauer gesagt bedeutet das, dass sich die Spur mangels weiterer Quellenangaben hier verliert. Ob die Information von hier stammt oder hier auch nur von einer weiteren Quelle übernommen wurde, ist nicht zu erkennen. Und auch hier sind die Angaben nicht spezifischer oder genauer.

Nach eigenen Angaben ist Naijaloaded

the Most Visited Online Platform that Delivers Hot Fresh Nigerian Music, Video, News and Technology Content on a daily Basis to Nigerians Home and Abroad.

Die Portalbetreiber brüsten sich damit, zu den beliebtesten und am schnellsten wachsenden einschlägigen Plattformen Nigerias zu gehören und bereits ein Jahr nach dem Online-Start die Auszeichnung als “The Best Nigerian Online Platform” gewonnen zu haben.

Der geneigte Leser möge nun bitte selbst entscheiden, ob es sich lohnt, weiter nach unabhängigen Belegen zu suchen, oder ob man einfach davon ausgehen sollte, dass sich mit Meldungen dieser Art nicht nur in Deutschland sondern auch in Afrika eben gute Klickraten erreichen lassen – und dass sie für die Boulevardpresse viel zu attraktiv sind, um sich den Fund mit allzu genauen Recherchen selbst kaputt zu machen.

Immerhin war es eine nette Gruselgeschichte für einen Sonntagvormittag.


Nachschlag

Naijaloaded berichtete gestern (8. Februar 2014) auch von der Verhaftung eines Terroristen, welcher sich selbst als

“Boko Haram’s lead specialist in human butchery”

bezeichnet. Keine Ahnung, ob da irgendein Zusammenhang besteht.

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